Ertragreiche Obsternte

Bild: Tripdavisor

Während es dank der Pandemie weiterhin wenig gibt, über das man sich freuen kann, spielt noch nicht mal das Wetter richtig mit. Die Sonne versucht sich durch die Wolken zu quetschen und hat es schwer, die Früchte auf den Bäumen wachsen zu lassen. Kluge Hausfrauen wussten stets: Hab immer Dosenobst im Vorratsschrank. Die Band Fake Fruit ist gesünder als die Konserve und verschafft auf ihre Weise Abwechslung. Gehandelt werden sie als Nachfolger der klassischen Post-Punk-Band Wire, aber das sollte man getrost gleich wieder vergessen. Die Band um Sängerin Hannah D’Amato ­(deren süßer Gesang schnell sauer werden kann) kreiert ihr eigenes Genre und benötigt keine Vergleichsgrößen.

Elf Titel versammeln sich auf dem nach der Band benannten und ­Anfang März erschienenen Debütalbum. 2016 in New York City gegründet, zog es Fake Fruit erst nach Vancouver, dann nach San Francisco. Den derzeitigen Lebensmittelpunkt hört man ihrer Musik mit ihrem ­kalifornischen Flair an: Die Bassläufe sind hooky (Martin Miller), die ­Stakkato-Gitarren türmen sich wie Wellen auf (D’Amato/Alex Post) und bilden einen reizvollen Kontrast zu den staubtrockenen Drums (Miles MacDiarmid).

Selbst wenn es die Band musikalisch mal ruhiger angehen lässt, wie etwa beim Song »Swing and a Miss«, bleiben Fake Fruit rauflustig, zum Beispiel, wenn die Zeilen, die von einer gescheiterten Beziehung erzählen, borniert vorgetragen werden: »That’s alright  ou didn’t make me cum«. Oder wenn sich D’Amato auf »Lying Legal Horror Lawyers« über quengelnde Männer echauffiert und ihnen ordentlich die Leviten liest.

Das Album mag da verwirrend rüberkommen, wo die Band sich in Grunge (»Yolk«) und Shoegaze (»Keep You«) übt. Die Mischung funktioniert aber außerordentlich gut, weil Fake Fruit den Charme einer DIY-Band haben, ihr Handwerk dabei aber wie Vorzeigestudenten von der Eliteakademie beherrschen. Das Album ist überraschend und absolut euphorisierend – so wie ­frisches Obst.

Jungle World, Dschungel, 01.04.2021

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