Bittersüße Hommage

Sie sind sassy und kurios, sie sind gewetzt und hartgesotten, sie sind Lo-Fi-Garagen-Punk. Sie erheben die 60er und ermuntern die müden Gemüter. Sie, das sind The Nettelles aus Edinburgh und nach der exzitatorischen Single „I’m Over You“ veröffentlichen sie ihr Debütalbum „Do You Believe In…“, das skrupellos an dem Rohdiamanten-Fundstück anknüpft.

Aufgenommen in den Ravencraig Studios mit Big Russ Wilkins – einer Medway-Ikone, die ordnungsmäßig ausgiebig mit Veteranen Billy Childish unter anderem als Thee Milkshakes schaffte – klingt das Debüt erst mal genau so, nämlich nach einer klassischen Medway-Platte. Nur ohne Art-School-Attitude. Frei von Pathos und Eitelkeit sind The Nettelles wütend, ohne verzweifelt zu sein. Sie rechnen ab, ohne hysterisch zu sein. Sie sind stolz, ohne zu kokettieren. Die Texte der dreizehn Titel sind grobianisch und manifestig, die hymnenartig einfach sind. Tollkühn eröffnen sie mit einem Cover einer Band und Liedsängerin, dessen Bastard aus Horror, Science-Fiction und Sex-B-Movies sie elternteilig sind: The Cramps und Poison Ivy. Mit „Get Off The Road“ und den Lyrics „We are the Hellcats nobody likes / Maneaters on motorbikes / We own this road so you better get lost / When you hear the roar of cut-out exhaust / Bug off or you’ll find that you’ve blown your mind“ verraten The Nettelles, auf was man sich die nächste halbe Stunde einlässt: Sie rechnen mit Verflossenen ab („Give Me Back My Shoes“) und steigen wie Schmetterlinge aus einer Krise empor („You Better Go“).

Die Instrumente sind spröde, stürmisch und surfig, der Sound überhöht kratzig und krumm, als hätten The Nettelles ihr Album konsequent in einer Garage mit einem Kinderrecorder aufgezeichnet. Wie in einer Collage karambolieren Gesang mit Geschrei, Motorengeräusche mit einer Kuhglocke. Es ist hinreißend, wie sie sich offensichtlich nicht ernst nehmen und eine Wonne daran haben. Intensiviert wird der Eindruck durch das von Musiker Bruce Band und Künstler Danny Carr visualisierte Cover: Mit Schmetterlingsflügeln und Hörnern stehen sie auf Hanfblättern.

Obacht ist geboten, sie trotz ihrer Medway-Nähe und den mokanten Spott, mit den Thee Headcoatees zu vergleichen. Das wäre anstandslos und würde beiden Bands in ihrer eigenen Schrulligkeit nicht gerecht werden. Die Bandmitglieder*innen arbeiten bereits seit den drei Jahrzehnte zusammen, so haben Gitarristin Clare Campbell und Bassistin Saskia Holling mit Sally Skull in den 90ern die schottische Riot-Grrrl-Fahne hochgehalten.

Gegründet 2015, wird das The Nettelles-Debüt „Do You Believe In…“ fünf Jahre später zur bittersüßen Hommage an Campbell. Holling und Schlagzeuger Angus McPake teilen Anfang September in einem Facebookpost mit: „Mit großer Trauer verabschieden wir uns von unserer Freundin und Bandkollegin Clare […], ohne die „The Nettelles“ nie existiert hätte, […] ihre Songs zu spielen, ist eine Freude, obwohl sie immer die letzte Person sein würde, die ihr eigenes Talent anerkennt. […] Clare hatte während ihrer gesamten Zeit bei The Nettelles mit Krebs gelebt, aber das ließ sie nie davon abhalten, die Musik zu machen, die sie machen wollte. Sie war entschlossen, bis zum Ende ein Geräusch zu machen.“ Die Veröffentlichung der Platte wird die Band vorverlegen, am Geburtstag von Campbell. Niemand, wirklich niemand braucht ein Date mit Elvis, wenn man diese Platte hören kann. Eine Platte, die nach Musik klingt, wenn man Musik macht, die man machen möchte.

Jungle World, Dschungel, 07.01.2021