Sie sind nicht einverstanden, ihr Hunde

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Punkrock rules okay: Messed Up / Bild: Evgeni Attetsky

Grodno: Eine Stadt, im äußersten Westen Weißrusslands, nahe der polnischen und litauischen Grenze gelegen, ehemalige Residenz von Königen und Großfürsten, rund 400.000 Einwohner. Nicht unbedingt ein Touristenmagnet, beschränken sich die Sehenswürdigkeiten auf religiöse Denkmäler und Kirchen. Die „Treppe der Liebe“ führt vom Alten zum Neuen Schloss hinab zur Memel und verbindet Altstadt mit Neubauvierteln. Während der Spaziergang nach dem Kirchenbesuch für viele ältere Bewohner unerlässlich ist, ist der Fluss beliebter Treffpunkt für die Jungen. Grodno ist auch Stadt der Subkulturen. Es gibt online sogar eine „Bandcamp“-Seite der alternativen Musikszene.

Dazu gehören etwa drei junge Frauen: Lizzie Skiba, Maria Yatsevskaya und Nastya Kapytok: Das Trio bildet zusammen die Band Messed Up. Sie sind Teil einer kleinen Gemeinschaft, die einen Ausweg aus der eintönigen postsowjetischen Heimat findet, indem sie sich kreativ und autonom aus den gegebenen Zwängen wie Geschlechterrollen, Vorurteilen und aggressiver Repressionen heraus bewegt, was in Grodno schwieriger ist als in Berlin.

Dabei kann der (post-)sowjetische Underground am Ort auf eine lange Geschichte zurückblicken. Kurz vor 1989 gründen sich in Grodno Artrock-inspirierte Bands wie Teatr und Side Off, in den 90ern treten die ersten belarussischen Punkgruppen auf den Plan, darunter die als einflussreich geltenden Graždanskaja Oborona. Die Band, gegründet vom antikommunistischen Dissidenten Jegor Letow, war später umstritten.

Fernab der Norm

Während es um 1989 krasse Repressalien von der Obrigkeit gegeben hat, kämpfen Messed Up heute als eine der wenigen Frauenbands in Weißrussland, – musikalisch fernab der Norm – mit sozialem Druck und Intoleranz, wie Gitarristin und Komponistin Skiba im Interview erzählt: „Bei meiner Arbeit in einem Krankenhaus sehe ich mich häufig mit Misstrauen von Patienten konfrontiert, weil diese angeblich von meinen Tätowierungen und Piercings beleidigt werden.“

In ihren Texten stellt sich die Band sowohl gegen das Establishment als auch gegen alltägliche Intoleranz. Die Künstlerinnen beschreiben, wie sie sich in der konformistischen Realität zurechtfinden und die von der patriarchalen Gesellschaft vorgeschlagenen Klischees und Vorurteile zurückweisen. Dazu gehört die Ablehnung einer vorgefertigten Denkweise („I won’t“), der Duft der Freiheit und der damit verbundene Lockruf der Sünde („Blind Faith“).

Die teils naiven Texte hat Skiba bereits mit 15 Jahren komponiert, und die entwaffnende Ehrlichkeit und Sprache scheinen aber auch deshalb angemessen, weil sie dadurch möglichst viele HörerInnen erreicht. Wie beim Antikriegssong „Someone’s Tears and Pain“. So erklärt Skiba: „Es macht für uns keinen Sinn, sich um unser Land zu kümmern – von Jahr zu Jahr wird alles um uns herum globaler und vernetzter, da sollten wir uns um die ganze Welt kümmern!“

Feminismus und LGBT

Alternative Lebensformen und ökologische Themen sind neben Feminismus und LGBT die Schwerpunkte, die Skiba nicht nur mit der Band, sondern in einer Gemeinschaft angehen will, „die belarussische Subkultur ist eindeutig mit einer widerstandsfähigen, unerschütterlichen und völlig unabhängigen Szene verbunden. Und wir geben unser Bestes, um so viele Menschen wie möglich in unsere Aktivitäten einzubeziehen und so viele wie möglich mit unserer Agenda zu erreichen!“

Die elf Songs des englisch betitelten Messed-Up-Debütalbums „Everything You Believe In“ werden vorgetragen auf Russisch und entsprechen dem Punk-Etikett: Harmonisch antreibende Haudrauf-Riffs, Dampframmendrums und Kapytoks Vocal-Darbietung im Wechsel zwischen melodischem Gesang und hartem Gebrüll. Die Botschaft ist deutlich: Sie sind nicht einverstanden. Und zum krönenden Abschluss verteilen sie eine vorzüglich klingende Klatsche, wie sie auch gern bei ihren britischen Kolleginnen von Thee Headcoatees verabreicht wurde. Aus dem Song „I Wanna Be Your Dog“ der Stooges wird bei Messed Up zu „Now You Wanna Be My Dog“.

„Bitte vergesst uns nicht“

Ein Facebook-Post des Trios von Anfang August, kurz vor der Präsidentschaftswahl: „26 Jahre Stagnation, Depression, Stabilität… Wer hätte sich das vorstellen können – aber unter all dem Zirkus um die Wahlen, die angeblich ‚fair‘ genannt werden, erschien ein Hoffnungsschimmer für Veränderungen. Und diese Hoffnung sind drei mutige Frauen, die Menschen weckten, ihnen Hoffnung auf ein besseres Leben gaben und sie mutig voran führten.“ Das Trio meint nicht sich selbst, sondern die Oppositionellen Maria Kalesnikava, Weronika Zepkalo, Swetlana Tichanowskaja.

Eine Woche später ist klar: Alexander Lukaschenko bleibt im Amt. Insgesamt sollen im Zuge der Proteste fast 7.000 Menschen festgenommen worden sein, darunter Messed Ups Drummer Tima.

„Die Situation ist eingetroffen, viele unserer Freunde sind in den letzten zwei Tagen festgenommen worden. […] Für was? Für unsere Freiheit, dafür, dass wir keine Angst haben, die Wahrheit zu sagen, dass wir dem Vorgehen der Polizei nicht zustimmen. […] Bitte vergesst uns nicht.“ Dazu posteten sie ein Foto, auf dem sich zwei Frauen auf dem Boden sitzend aneinander festhalten, sie haben Tränen im Gesicht, ihre Verzweiflung ist deutlich. Um sie herum stehen drei Sicherheitskräfte, mit Schlagstöcken in der Hand. Das Bild stamme aus Minsk, da es in Grodno keine Presse gäbe. Messed Up bleibt nicht einverstanden.

Dieser Text erschien erstmals in der taz. die tageszeitung, 24.10.2019. Er wurde am 13.08.2020 um die aktuellen Geschehnisse ergänzt.

 

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