Stalking im Eis

Foto: Karen Arnold

Der 1967 veröffentlichte Roman »Ice« gilt längst als Klassiker, seine Verfasserin als eine der rätselhaftesten Autorinnen der Moderne. Die 1901 geborene Britin Helen Emily Woods, die unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlichte, nahm in den späten dreißiger Jahren Namen und Aussehen der Hauptfigur Anna Kavan aus ihrem Roman »Let Me Alone« (1930) an. Als »Ice« kurz vor ihrem Tod veröffentlicht wurde, war sie lange schon die blonde Frau mit dem ordentlichen Bob, die sie als junge Autorin beschrieben hatte. »Ice« erscheint nun in sehr gelungener deutscher Übersetzung von Silvia Morawetz und Werner Schmitz.

Eine Welt menschlicher Kälte. Es herrscht ein Krieg in einer anonymen, apokalyptischen Atmosphäre. Eine namenlose Frau mit hellem Haar, von zerbrechlicher Gestalt. Ein Mann, der sie vor der Härte der Welt beschützen will. Vor dem Ehemann, den sie bald verlässt. Vor einem dikta­torischen Wächter, der sie gefangen nimmt, foltert und misshandelt. Der Mann, aus dessen Perspektive erzählt wird, lässt sich von der nahenden Katastrophe mitreißen und überschreitet jegliche Grenze. Die Zuneigung zur Frau wird beflügelt durch ihren Schmerz und treibt ihn an, sie befreien zu wollen.

Inspiriert von einem längeren Aufenthalt in Neuseeland und insbesondere von der Nähe des Landes zur unwirtlichen Eislandschaft entwirft Kavan das Bild einer lebensfeindlichen Zivilisation, in der Frauen zu Gejagten werden. Eine Frau, der die Attribute »frei, weiß und einundzwanzig« zugeschrieben werden, wird von dem männlichen Erzähler gestalkt. Sowohl auf der Ebene der Handlung als auch formal geht es um Grenzüberschreitungen. »Eis« ist ein slipstream-Roman, der die Tropen und Techniken von Science-Fiction und Fantasy verwendet, ohne sich in diese Genres einzufügen. Kavans disruptive Erzählung lotet mit solch rasanter Schnelligkeit verschiedene Szenarien aus, dass einen die Lektüre schwindeln macht.

Jungle World, Dschungel, 02.07.20

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