Namen, Nasen und Berufe – über Rassismus im Journalismus

Seit die ersten Coronavirus-Verdachtsfälle in Deutschland publik und bestätigt wurden, hat die deutsche Medienlandschaft wieder eine Sau gefunden, die sie durchs deutsche Sauberland jagen kann. Und so ist Ende Januar der Virus schneller in Deutschland angekommen als eine AliExpress-Bestellung.

Beim ersten Sonntagskaffee lese ich in den Ruhrnachrichten von einer Vietnamesin, die verachtende Blicke ausgesetzt war – denn „Die ist ja Chinesin“. Beim Spaziergang leuchtet mir die Schlagzeile eines Kölner Lokalblatts entgegen: „Mutter flüchtet mit Tochter vor Chinesen“. Der Express-Autor ist zwar versucht, auf den wachsenden Rassismus einzugehen, die Schlagzeile vermittelt jedoch (gepaart mit dem Foto eines Mitarbeiters des Asiamarkts „Heng Long“) etwas sehr Gegenteiliges.
An dieser Stelle ließen sich viele weitere Artikel auflisten, die neben der wachsenden Virus-Gefahr, zugleich klare Anzeichen für wachsenden Rassismus gegen die “gelbe Gefahr” in sich tragen. Man muss nur mal auf Twitter gehen, wo sich die Hashtags #ichbinkeinVirus, #JeNeSuisPasUnVirus und #IamNotAVirus verbreiten, in denen Betroffene von rassistischer Stigmatisierung berichten, verknüpft mit Artikeln und Kommentaren von Journalist_innen mit asiatischem Hintergrund. So schreibt beispielsweise Lin Hierse in ihrem Text „Eine Angst, die rassistisch ist“ darüber, wie sich die menschliche Angst in Rassismus ausdrückt und wieso auch im Jahr 2020 genau diese falsch gesteuerte Angst ein ernstes Problem ist.

Im November hatte die ZDF-Sendung “Volle Kanne” die als Youtuberin bekannte Vietnamesin Pocket Hazel eingeladen, um mit ihr über ihre Arbeit zu sprechen. Auf der Website wurde sie jedoch mit einem Foto von Mai Thi Nguyen-Kim angekündigt, ebenfalls Youtuberin, ziemlich bekannten Fernsehmoderatorin, und auch sie Vietnamesin. Erst nachdem Hazel mit Freunden darüber spricht und ihnen den Fehler zeigt, wird ihr selbst  bewusst, dass es eben absolut nicht in Ordnung ist.
Die Übermedien-Kolumnistin Samira El Ouassil hat in ihrer geistreichen und spannenden „Wochenschau“ über diesen „Verwechslungsfall“ geschrieben und erklärt, wie der sogenannte „Cross-Race-Effect“ funktioniert: „Unser stumpfes Tribalistenhirn checkt erstmal ab, dass jemand nicht Arabisch, nicht Asiate, nicht Schwarzer (oder aber nicht Weißer) ist, und verarbeitet dann erst weiter (wenn die Person also vermutlich vom selben „Stamm“ zu kommen scheint, also keine Gefahr droht), wie die Person im Detail aussieht. Deshalb können wir diese Gesichter dann besser unterscheiden.“

Die beiden Journalistinnen Minh Thu Tran und Vanessa Vu tauschen sich seit Anfang 2018 in ihrem Podcast „Rice and Shine“ mit anderen vietdeutschen Gästen über Alltagsrassismus, Traditionen und Kultur aus. Dabei geht es vor allem darum, vietdeutsche Perspektiven aufzuzeigen und den noch immer sehr klebrigen Vorurteilen (alle heißen Nguyen, Asiaten sind immer fleißig) aufzuräumen.
Für ihre Folge „Boat People“, die sie auch auf vietnamesisch zur Verfügung gestellt haben – um keine Barrieren aufzubauen – sind sie für den Deutschen Podcast-Preis nominiert. Man kann sich also denken, dass diese beiden jungen und klugen Frauen nicht selten als Interviewpartnerinnen angefragt werden.

Anfang Februar entdecke ich in meinem WDR-Postfach eine Anfrage von einer Journalistin aus dem (WDR) Studio Köln. Sie spricht mich nicht mit meinem Namen an, obwohl sie ihn anhand der Mailadresse erkennen müsste, denn beim WDR sind die E-Mail-Adressen unverkennbar mit Vor- und Nachname versehen, sondern mit Tuimi. Das wiederum ist der Künstlername von Phạm Thùy My, einer vietdeutschen Singer-Songwriterin, die in Saigon lebt und Gast des jüngsten “Rice and Shine” Pocast war.Die Journalistin aus dem Studio Köln jedenfalls möchte mich – als Teil von “Rice and Shine” – dazu befragen, wie ich es empfinde, dass „viele Menschen, die asiatisch aussehen gerade wegen des Coronavirus Rassismus erleben.“

Was ist da alles schief gelaufen?
Nur eine schlechte Vorabrecherche?
Nein, viel mehr als das!

Zugegeben, ich erwische mich dabei, dass ich – wie Pocket Hazel – das zuerst auch eher amüsant finde. Mit jeder vergehenden Minute spüre ich jedoch den aufkeimenden Ärger in mir. Es ist schon traurig genug, dass der Alltagsrassismus mittlerweile schon so normal geworden ist, dass er mir kaum noch auffällt, sondern einfach abprallt. Dass dies nun aber auch in einem professionellen Kontext passiert, kontaktiert über meine berufliche Mail-Adresse und von einer Journalistin, so unüberlegt, naiv und unprofessionell, das ist verletzend.
Natürlich wirft dies die Frage nach dem Berufsethos des Journalismus auf, der doch eine gewisse Ethik voraussetzen sollte – doch leider geht es in dieser Anfrage nicht um eine professionelle Fremdbeobachtung und eine daraus resultierenden Berichterstattung über wachsenden Rassismus, sondern einfach und simpel gesagt um eine dicke Story. Darum, ein Stück der Aufmerksamkeit um ein „gesprächswertes Thema“ abzugreifen, im öffentlichen Diskurs mitgemischt zu haben. In der Frühbesprechung in der Redaktion auch mal einen tollen Vorschlag gemacht zu haben, so als junge Journalistin im Studio Köln.

Womit wir wieder beim Berufsethos wären: Sich als Journalist:in selbst zu vermarkten, das ist eine Sache, die mir absolut zuwider ist. Und nun nehme ich wohlmöglich selbst diese Rolle an? – Nein, das tue nicht: denn dieser Text ist ein persönlicher Bericht, dem es weder um Lob und Anerkennung geht, noch um berufliche oder gar monetäre Vorteile.

Fassen wir die Geschehnisse also noch mal in aller Kürze zusammen:
–> Die zwei Frauen Pocket Hazel und Mai Thi Nguyen-Kim, die beide vietnamesische Wurzeln haben, nutzen ihre Reichweite, um wissenschaftliche und wirtschaftliche Themen aufzubereiten. Beide sind erfolgreiche Youtuberinnen und bekommen Aufträge vom den Öffentlich Rechtlichen – und beide werden für ein und dieselbe Person gehalten.
–> Die Journalistinnen Vanessa Vu und Minh Thu Tran räumen mit ihrem Podcast  „Rice and Shine“ mit vorverurteilenden Stigmata auf und erzielen damit eine große Reichweite.

Was habe ich also mit den vier Frauen gemeinsam? Beziehungsweise fünf, wenn wir Tuimi mit hinzunehmen.
Da die Journalistin mein Aussehen nicht kennt, lässt sich das nicht mit dem Cross-Race-Effect rechtfertigen. Ähnliche Namen, Nasen, Berufe? Da darf man auch mal die falsche Vietnamesin anfragen? Hauptsache chinesisch.
Ein dermaßen offen zur Schau gestellter Rassismus ist angsteinflößender als der Virus selbst.

Ich unterstelle der Journalistin keine solch unmenschlichen Gedanken. Ich unterstelle ihr, dass sie Betroffenheit vorspielt – doch eigentlich geht es ihr nur darum, bei einer aktuellen Geschichte mitzumischen. Zumindest springt mich genau dieser Tenor aus ihrer Anfrage an. Sie wird damit ihrer Rolle als Journalistin nicht nur nicht gerecht, nein, sie tappt selbst in die Rassismusfalle.

Mein Name lautet übrigens Pham Thuy Du.

Kaput, 05.02.2020

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