Als noch Kondition statt Carbon zählte

Wenn die Übersetzung 50 x 14 aufgelegt wird, wenn Fritz Brühlmann als Zweiradmechniker vor Ort ist, wenn sich der Geruch von nervösen Schweißporen durch die pastellfarbende Merinowolle drückt. Draussen, vor dem Hallenstadion in Zürich, verneigen sich weiße Flöckchen, denn drinnen findet die “Nacht der Superstars” statt. Es ist der 10. Februar 1978 und die ovale Radrennbahn ist Austragungsort. Es ist die Nacht, in der der beste Radfahrer aller Zeiten, Eddy Merckx, bezwungen werden soll.

Es sind die 70er, die ursprünglichste Variante des Radsports wird zu einer der beliebtesten. Doch bereits in den 20ern ist das erschwingliche und verlässliche Fortbewegungsmittel in seiner kompetitiven Umgebung ein Obligo für volle Tribünen. Wenn Völker sich vereinen, um mit bloßem Auge zu verfolgen, wie Mensch und Maschine verschmelzen. Dann sitzt auch Ernest Hemingway irgendwo in Paris, in einer Loge an der Ziellinie, um seinen Roman “In einem fremden Land” Korrektur zu lesen. Wenn die Fahrer mit starrem Blick und festem Tritt immer weiter gegen den Uhrzeigersinn im Kreise fahren, fesselt die Faszination des Pedalierens auch Egon Erwin Kitsch, der in seiner Reportage “Elliptische Tretmühle” schreibt: “So bleiben alle auf demselben Platz, während sie vorwärts hasten, während sie in rasanter Geschwindigkeit Strecken zurücklegen. […] Sie bleiben auf derselben Stelle, im selben Rund, bei denselben Menschen – ein todernstes, mörderisches Ringelspiel.”

Es wird geboxt, japanisch gekämpft, gerungen. Und radgefahren. Die “Nacht der Superstars” oder auch “Das Blaue Band von Zürich” gleicht einem Jahrmarktabend: Gesponsert von einer Sexartikel-Kette gibt es drinnen Spiel, Spaß und Spannung, während draussen Schneeballen Zürich weiß einkleiden. Man raucht Kette, schwenkt Bier bei hitzigen Diskussionen und sportlichen Spannungsmomenten, die Wurst brät. Der Hallensprecher Charly Schlott heizt dramaturgisch das neugierige Publikum ein, dieses reagiert mit “Dai Felice”, “Forza Gimondi”, “Hopp Schwiiz”. Die obligatorische Ehrendame kokettiert zur Eröffnung des Rennens.

Der ehemalige Radsportler und Illustrator Marc Locatelli hat diesen bisher geschichtsunträchtigen Abend in seiner Graphic Novel festgehalten, dessen Titel das Ende der Geschichte und mit ihm das nahende Drama bereits verrät: “Die Nacht, in der ich Eddy Merckx bezwang”. Durch einen Ausfall bekommt Locatelli einen Startplatz und tritt nicht nur gegen Merckx, sondern auch gegen Francesco Moser und Didi Thurau an. Der damals 24-jähriger Elite-Amateur wird sein Idol Merckx bezwingen, doch offiziell anerkannt wird das nie. Damit kann Locatelli zwar nachträglich seine Sicht sicherstellen, stellt seine Fehlbehandlung doch erfreulicherweise nicht als primären Gegenstand der Geschichte dar. Vielmehr würdigt er diese besondere Ära des Radsports, als noch Kondition statt Carbon zählte, als die Akteure noch legendenbehaftet waren.

Die Schlichtheit der Stahlrohre, die von Krampfadern durchzogenen Beine. Auf den Köpfen sitzen die Sturzringe, in den Pedalhaken die Füße. Die Regeln sind unkompliziert: Der Fahrer, der die meisten Runden in 30 Minuten fährt und das Ziel als erster überquert, gewinnt. Wenn die Fahrer ihre Beine wie Äxte ins Holz hacken, ziehen, drücken, drücken, ziehen, wenn sich die Lunge wie ein Heißluftballon in Rage aufpumpt, das Herz sich durch das Trikot drückt, eine Fausto-Coppische-Engelsgestalt erscheint, dann wird die zugänglichste Sportart zur unerbittlichsten. Um dann wieder Endorphine freizusetzen, rauschähnlich. Gelungen verdeutlicht Locatelli die körperliche Grenzerfahrung, die ein Radrennen abverlangt. Locatelli bezwingt Merckx.

Nach dem Rausch folgt bekanntermaßen Ernüchterung: Unschuldiges Weiß ist nur noch matschiges Grau. Die Tageszeitung mit den aktuellen Sportergebnissen schlägt zu: Merckx, Achter. Locatelli, Neunter. „Die konnten den kleinen Loki nicht vor dem grossen Eddy Merckx klassieren. Du weißt doch wie das Spiel läuft”, nüchtern, nicht schüchtern, so sein Radsportfreund Sergio Gerosa. Ein Spiel aus kritikloser Zuneigung und loyaler Immunität für die Giganten der Bahn. Es darf behauptet werden, dass Merckx hinter undurchdringlichen Schutzmauern von Fans und Presse bewacht auf dem Podest sitzt. Der beste Radfahrer aller Zeiten, der Posterboy des Radsports, der Kannibale, der einen Mechaniker feuert, der sich bei der Sattelstütze um einige Millimeter verrechnet. Dopingerkenntnisse, an der Zahl nicht weniger als Siege auf der Bahn (98), schaden der Ehrerbietung nicht.

Der gelernte Grafiker Locatelli ist zehn Jahre im Radsport aktiv, bevor er aufgrund “begrenzt athletischer Fähigkeiten” sein in der Theorie unbegrenztes Wissen als Trainer weitergeben wird. Weitere zehn Jahre später wird er Stahl gegen Stift tauschen, vertieft die künstlerische Lehre und arbeitet als Illustrator. Diese Tätigkeiten, die ohne Herz, Geduld und Können nicht möglich sind, formiert er mehr als 40 Jahre später auf eine nüchtern-schüchterne Weise und stiftet ein kleines Glücksgut. Sie ist nur zwei Kubikmeter groß, seine “Kunstkabine”, die kleinste Galerie der Welt. Die umgebaute Telefonzelle steht auf der offenen Radrennbahn in Zürich Oerlikon und wird von Locatelli kuratiert. Fotografien, Illustrationen, Comics. Unabwendbar mit Radsport als Sujets. Eine Fühlung zwischen der alten – heroischen – und der neuen Generation – die den Sport ums Fahrrad für sich wiederentdeckt hat – soll formuliert werden. Mit der Novel tut er gleichermaßen. Locatelli erweckt diese emotionsgeladene und berauschte Zeit, das im Keller vermuffte Merino riecht wieder nach Schweiß, man hat Lust auf eine Zigarette voll mit Zusatzstoffen und ein ehrliches, kaltes Bier. “Allez, Eddy!” möchte man brüllen. Und doch: Weniger nüchtern und schüchtern, weniger chronologisches Erzählen. Eine Nuance mehr entzückte und entzürnte Gefühlsaufwallungen hätten gut getan. Wenn das Leid leidenschaftlich und die Freude frivol wird. Merckx wusste: “Rennen werden von dem gewonnen, der am meisten leiden kann.” Vielleicht ist es aber auch so, wie Hemingway vermutete: „Ich werde nie eine (Radrenngeschichte) schreiben können, die so gut ist wie das Rennen selbst.“

Die heroischen Radfahrer, die großen charismatischen Geschöpfe, – ach – wie Küsse links und rechts. Es mag sie nicht mehr geben. Doch der Radsport verlässt das Denken in Podesten und öffnet sich: Auf der Albert Richter Bahn in Köln pedalieren Thekenmannschaften. In Oberhausen strampelt man auf Klapprädern. Hamburg verzichtet auf die Lizenzpflicht. Gleichwohl lässt sich nicht leugnen, dass es vorbei ist. Die imposante Zeit des Bahnradsports. Die Tribünen sind leer, die Bratwurst zu fleischig, die Zigaretten nicht digital genug und das Bier, ja, das wird gecraftet. Immer mehr Radrennbahnen sind stillgelegt und das Zürcher Hallenstadion ist heute Europas größte Mehrzweckhalle. Es wäre falsche Nostalgie, sich zu weigern, anzuerkennen, dass die Uhr rechtsherum läuft. Unschwer anzunehmen ist, diese heroische Zeit war vorherrschend ein von Männern dominierender und konsumierter Sport. Heroisch wird als mannhaft synonymisiert. Zu lange sind Frauen im Radsport dekoratives Beiwerk, doch immer mehr Rennveranstalter verzichten bei der Siegerehrung auf Hostessen. Es ist Zeit, sich zu emanzipieren: Miriam Welte, 21 deutscher Meistertitel. Pauline Grabosch, Zeitfahr-Meisterin und Rachel McKinnon, erste Transgender-Weltmeisterin auf der Bahn.

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Kaput, 12.01.2020 (gekürzte Fassung)

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