Liebe mal zwei

Zeichnung von Zeina Abirached
Zeina Abirached (Zeichnung), Mathias Énardt (Text) / Zuflucht nehmen / Aus dem Französischen von Annika Wisniewski / Avant-Verlag

Die libanesisch-französische Comickünstlerin Zeina Abirached hat in ihrem bisherigen Oeuvre vor allem ihre Kindheit in Zeiten des libanesischen Bürgerkrieges exemplifiziert. In der Graphic Novel “Zuflucht nehmen” lässt sie in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Mathias Énard zwei Geschichten entstehen, die erst einmal nichts mit ihrer und auch nichts miteinander zu tun haben. Sie demonstrieren Fluchtwege und Zufluchtsorte sowie die Gegenüberstellung von Vergangenem und Gegenwärtigem.

Die zentrale Geschichte spielt in Berlin, Neyla ist aus Aleppo geflohen und trifft bei einem Wohltätigkeitsbasar im Kiez auf Karsten. Sie verbringen Zeit miteinander, er hilft ihr bei der deutschen Sprache, sie bringt ihm ein arabisches Gedicht bei. Eine Liebesdichtung des syrischen Dichters Nizar Qabbani, die über mehrere Seiten hinweg nur einzelne Wortgebilde offenbaren, zusammengesetzt schwer bedrückend sind. Die beiden finden miteinander einen Zufluchtsort, doch die Grenzen ihrer Zuneigung wird spürbarer. Die Nebenhandlung ist wie auch das Gedicht eine Inkorporation eines externen Kulturwerkes: In der Reisereportage “Der bittere Weg” ist Schriftstellerin Ella Maillart mit ihrer Kollegin Annemarie Schwarzenbach unterwegs in Afghanistan und auf der Suche nach Menschen, die friedlich leben. Es ist 1939 und der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs steht bevor.

Die herausragende Erzählkunst des Schriftstellers Mathias Énard, der stets seine Liebe zum nahen Osten zu poetisieren weiß, die grafischen schwarz-weiß Zeichnungen der Illustratorin Zeina Abirached, die stets eine Hommage an ihre Familie und Heimat sind. Das satte Schwarz der schlichten Zeichnungen Abirached, die kurzen lyrischen Wortkompositionen Énard kontrastieren die verschachtelten Geschichten. Das schwere, vielseitige Band neigt jedoch an manchen Stellen dazu, dem Kitsch und Klischee zu verfallen. Die großflächigen Bilder und wenigen Worte können dem zwar entgegnen, gehen dadurch aber auch zu vorsichtig mit Krieg und seinen Folgen um.

Jungle World, Dschungel, 14.11.2019

 

 

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