Unschuldig unangenehm

 

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Mike Krol sitzt mit einem rosa-blau gestreiften Hemd und einem blau geschlagenen Auge auf einem rosa bezogenen Bett. Er blickt ins Leere. Aus seiner Nase fließt Blut, die Lippen sind aufgerissen. In der Hand hält er eine blaue Hagstrom Retro-scape H-III. Die geblümte, pastellige Tapete im Hintergrund steht im Kontrast zu dem Kampf, den Krol hinter sich haben muss. So sieht das Album­cover von »Power Chords« aus, auf dem Krol in elf Songs versucht, eine Balance zwischen Selbstakzeptanz und Selbstflucht zu finden.

Das wird beim Song »Little Drama« deutlich: Im Text vergleicht er sein Inneres mit dem mittleren Westen der USA. Oberflächlich betrachtet eine freundliche und vielleicht etwas langweilige Region, die aber bei ­genauerer Betrachtung Beklemmung auslöst: »This place is mine now / I own the sun / Can’t you feel me ’round the corner / Getting closer as you come? / Don’t mess with my sound / They said we’re done / I may never win a battle / But the war has just begun«. Eine Kampfansage an sich selbst, den Ausgang des Kampfs hat Krol mit dem Titel seiner Compilation »Mike Krol Is Never Dead« (2017) bereits selbst beantwortet.

Trennungen, dicht gefolgt von Schuldzuweisungen: »I Wonder« ist ein Versuch, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Ein Trennungslied voller Liebesschwüre. Es behandelt Krols Pause von der Musik; seine im Geiste Angetraute, die Musikerin ­Allison Crutchfield, übernimmt Gesangspassagen, die der unkonventionellen Trotzigkeit einen gewissen Hauch von O. C. California verleihen.

»Power Chords« sagt im Titel bereits, worum es geht. Wie schon beim Vorgängeralbum »Turkey« bewegt sich Krol zurück zum Punk und spielt die Gitarre übersteuert und bissig. »Turkey« hatte eine Existenzkrise ausgelöst, eine Analyse (»Wasted Memory«) in Form von vertrackten Gitarrenlinien und eine Selbstreflektion (»An Ambulance«). Diese Krise hat Krol in ein neues Selbst verwandelt. Auf 34 Minuten – seinem bisher längsten Album – ist er das, was er ist: unschuldig unangenehm.
Jungle World, Dschungel, 14.02.2019

 

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