„Es klingt nach Arschtritt!“

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The Damned. An der roten Baskenmütze gut zu erkennen ist Captain Sensible /  Foto: Steve Gullick (dpa)

Captain Sensible, Ihr neues Album „The Evil Spirit’s“ klingt sehr eingängig, dabei hat es Ihre Band The Damned getrennt voneinander komponiert.

Captain Sensible: Stimmt, wir haben die Songs getrennt voneinander komponiert und dann in zwei intensiven Wochen gemeinsam in Brooklyn/NY geprobt und aufgenommen. Klingt glamouröser, als es war: Das Studio liegt in einem Industriegebiet ohne Infrastruktur. Manhattan ist auf der anderen Flussseite. UnserProduzent Tony Visconti ist 70 und arbeitet nur tagsüber, also nutzten wir die Abende, um lokale Musikclubs zu besuchen. Bestürzend zu sehen, was aus dem CBGB’s geworden ist. Da haben wir 1976 gespielt und heute befindet sich im Gebäude eine Nobelboutique. Stattdessen sollte ein Schrein für Punk dort stehen! Es ist ein Unding, dass Punk kulturell weniger wert ist als die Oper. Legendäre Orte sollten vor skrupellosen Investoren bewahrt werden!

The Damned nehmen nur tagsüber auf. Ist das noch Punk?

Bei den Proben ist alles zusammengekommen und der Damned-Sound entstand automatisch. Es war wie ein Wettbewerb: Wer kackt die krasseste Melodie auf die Songs …

… die eine deutliche Handschrift des alten Bowie-Zuchtmeisters Tony Visconti haben …

Wir haben beschlossen, das Album im alten Stil aufzunehmen, gemeinsam in einem großen Raum, die Verstärker voll aufgedreht. Dadurch entstand ein Garagenvibe. Durch Tonys Produktion klingt er aber gewaltig. Er legte viel Wumms auf die Vocals, hat Dave Vanians Stimme regelrecht aus dem Lärm gegraben. Es war spannend zu beobachten, mit welcher Strenge er Vanian dazu brachte, die Themen der Songs während seiner Performance zu reflektieren.

Mit Songs über Delfine?

Es geht um das Geheimnis von Walen und Delfinen, die sich an die Strände der Ozeane werfen. Was treibt die Viecher zum Suizid? Tony hat Dave so brillant geführt, dass du die Wut der Delfine hören kannst, ohne dabei die Melodie zu verlieren. „Evil Spirits“ ist ein Erzeugnis aus Damned und Tony, man könnte es Glam-Punk nennen.

Es gibt derzeit viele Gründe, die Teufel unserer Gesellschaft auf einem Album zu vereinen und zu verbannen. War das Motivation für „Evil Spirits“?

Wir leben im permanenten Ausnahmezustand. Heute ist der Überwachungsstaat so viel krasser als 1984, etwa die CCTV-Kameras in England, Internet-Lauschangriffe und Drohnenangriffe. Ein Zukunfts-Albtraum – all diese Technologien könnten gegen unseingesetzt werden. Ich würde gerne glauben, dass es keine bösen Geister gibt, die dafür verantwortlich sind. Aber wir sollten unsere Augen auf sie richten und ein Maschinenzeitalter 2.0 verhindern, in dem wir zu gehirngewaschenen Sklaven werden. Wie heißt es so schön in dem Song „We’re So Nice“: „It takes a lot to make a nation want to fight / But you can trust the daily news to put us right / To point us where to go and who has got to die / On a lie.“

Ihr Ruf als die britische Punkband ist legendär. „Evil Spirits“ hört sich aber nicht mehr so punkig an, eher wie eine „Best of Rock“-Tüte. Sind Sie zahm geworden?

In den Sechzigern als Schüler konnte ich mir durchs Zeitungsaustragen alle paar Wochen eine Single kaufen. Ich liebe diese Mod-Platten immer noch, von Bands wie den Kinks, The Who und den Small Faces – ihr Einfluss kommt auf „Evil Spirits“ stärker zum Tragen als auf früheren Damned-Alben. Wann immer wir einen Soundeffekt eines klassischen Sixtieshits vorschlugen, wusste Visconti sofort, wovon wir sprachen. Wir können immer noch Lärm veranstalten, nur klingt er heute mehr nach Psycho-Garage als nach Stumpf-Punk.

Was reizt The Damned nach 42 Jahren Bestehen, ein neues Album aufzunehmen?

Also, es fühlte sich an, als wär’s unser Debüt. Als wir 1976 anfingen, hatten wir das Glück, die letzten Tage einer goldenen Periode zu erleben – zu einer Zeit, als Labels ein Studio für viel Geld buchen mussten, um Bands das machen zu lassen, was sie wollten. Natürlich hatten unsere Alben keinen Mega-Erfolg. Darum geht’s auch gar nicht. Pop ist Glücksspiel, Top oder Flop, Hauptsache, nicht vorhersehbar. Denken Sie an die letzten 20 Jahre und die öde Boy-Band-Periode, ojemine! Jedes unsrer Alben klingt komplett anders als das zuvor. Dankenswerterweise erzählten uns unsere Freunde von den Buzzcocks von ihren Erfahrungen mit Crowdfunding. Wir haben dann auch genug Flocken gesammelt, um Visconti engagieren zu können. Und das Ergebnis kann sich hören lassen: Es klingt nach Arschtritt!

taz. die tageszeitung, 17.05.2018

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