Wie sieht der ideale Kuss aus?

Als »Jules Washingmachine« haucht die Kölner Illustratorin Julia Diederich ihren charakterreichen
Charakteren Gutes und Böses ein. Sie spricht über die Kunst des Zeichnens und das Illustratoren Festival »Illu 2018« in Köln.

Was bedeutet Illustration für Sie?

Die Freiheit, ohne nachzudenken, mein Inneres, meine Gefühle, meine Gedanken oder auch Erfahrungen, nach außen fließen zu lassen. Dadurch entstehen Bilder, die ich vorher selbst noch nicht kenne.

Ihre Arbeiten sind karikativ, pastellig und voller liebevoller Details, ohne auf Niedlichkeit reduzierbar zu sein. Wie würden Sie ihre Arbeiten selbst beschreiben?

In erster Linie eine Auseinandersetzung persönlicher Gefühle. Oft in der Gegenüberstellung von Gut und Böse, Schön und Hässlich. Ziemlich alltägliche Gedanken, die ich manchmal selbst noch nicht kenne, aber dadurch sichtbar werden.

Ihre Arbeit hat also auch etwas therapeutisches?

Absolut, sie ist auch Heilungsprozess.

Illustrationen haben eine gesellschaftspolitische Vergangenheit; in der Reformationszeit ermöglichten sie zum Beispiel Analphabeten, Flugblätter zu verstehen. In Zeitschriften und Magazinen erläuterten sie später ästhetisch einen Text und kontextualisierten ihn. Was können und sollten Illustrationen heute leisten?

Genau die genannten Beispiele sind nach wie vor aktuell. Illustrationen sollten dazu da sein, zum Denken anzuregen. Aber auch und vor allem: komplizierte Vorgänge bildlich darzustellen und dadurch erfassbarer zu machen, als dies ein langer Text kann.

Ist Illustration heute eine reine Dienstleistung oder kann sie auch politisch wirken?

Natürlich ist sie eine Dienstleistung. Aber sie kann durchaus gesellschaftskritische Statements und Positionen ausdrücken und Betrachter auf bestimmte Themen aufmerksam machen.

Ästhetische Darstellung als optisch ansprechendes Subjekt für sonst nicht so einfache Thematiken?

Genau, wenn man zum Beispiel eine neue Sprache lernt, dann sind Bilder äußerst hilfreich. Die Idee ist einfach, aber effektiv: der Lern- und Verstehensprozess wird gestalterisch unterstützt.

Ist dann Illustration nicht doch eher eine Gebrauchskunst, eher Infografik als Kunst?

Definitiv ist die Illustration ein alleinstehendes künstlerisches Genre! Vielleicht agieren Illustrationen weniger zwischen den Zeilen, aber für mich sind auch ganz schlichte Infografiken eine Form von Kunst. Denn Dinge so vereinfachen zu können, das ist Kunst. Genauso wie detailverliebte Malereien.

Der Musiker und Künstler Billy Childish sagte einmal, dass Galerien »Vernichtungslager für Kunst« seien. Die »Illu 2018« bricht die festgefahrenen White-Cube-Konventionen auf und veranstaltet ein ganzes Wochenend-Festival. Was hat Sie als Künstlerin dazu bewegt dort mitzumachen?

Gerade die Festivalform hat mich angesprochen, weil jede Künstlerin, jeder Künstler den eigenen Raum so gestalten kann, wie man es möchte. Ohne dabei auf einen Raum begrenzt zu sein. Es gibt keine Einschränkungen und ist ganz frei. Es gab – klar – die Vorauswahl durch eine Jury.

Dann könnten Sie doch vielleicht verraten, auf was die Jury so achtet?

(lacht) Es gibt zu jeder Ausgabe ein neues Team, dadurch bleibt die »Illu« lebendig und dynamisch. Es passiert also schon, dass die diesjährige »Illu« durch die Auswahl der Jury ganz anders sein kann, als in der Ausgabe zuvor.

Sie waren 2016 auch schon dabei. Wie haben Sie die Besucherinnen in Erinnerung: waren es eher passive Konsumenten oder aktive Neugierige?

Vom Charakter her geht es auf der »Illu« eher wie bei einer Messe zu; man wird als Künstlerin auch angesprochen, es kommt häufiger zu einem Austausch mit den Besuchern. Es ist auf keinen Fall eine klassische Kunstausstellung, die man bedächtig durchschreitet. Es findet ganz viel Kommunikation mit und unter den Künstlerinnen statt.

Interaktiv sozusagen?

Ja, wir als Künstlerinnen sind von Anfang an mit involviert. Wir kümmern uns unter anderem mit darum, die Plakate in der Stadt aufzuhängen. Dadurch sind wir im ganzen Entstehungsprozess schon mit dabei.

Das bedeutet, sie packen mit an und sitzen gar nicht auf dem Künstler-Podest?

Ja, und das ist was mir bei dieser Ausstellungsform so gut gefällt. Es gibt keinen Galeristen, der bestimmt, wie was hängen soll und wir erscheinen nicht erst zur Ausstellungseröffnung. Wir bauen selbst auf und putzen hinterher gemeinsam. Und gerade so kommt man gut in Kontakt mit anderen Künstlern.

Die »Illu« steht in diesem Jahr unter dem Thema »Der Kuss«. Was ist für Sie der ideale Kuss?

Das ist ein ganz bestimmter Moment, wo ganz viele Faktoren in einer bestimmten Konstellation zusammenkommen. Wenn alle Sinne involviert werden, die richtige Temperatur, Geschmack, Feuchtigkeit.

neues deutschland, 02.05.2018

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