Für einen Umsturz der deutschen Musiklandschaft

Oberflächlich betrachtet und etwas zugespitzt formuliert, besteht der Teil der bundesdeutschen Musiklandschaft, der fähig ist, eine E-Gitarre in der Hand zu halten und damit annehmbare Songs zu komponieren, seit Jahren aus Toco­­tronic, den Beatsteaks und Olli Schulz. Also Künstlern, die integer und grundanständig rüberkommen, eine solide Fanbase haben und dafür von den Medien zu Recht beweihräuchert werden. Alle drei zeichnet tatsächlich ein gutes Gespür für radiotaugliche Songs aus. Und noch eine Gemeinsamkeit, der Berliner Toningenieur Moses Schneider hatte sie alle gewinnbringend produziert.

Ebenfalls bei Schneider im Studio wurde die EP „Rausch“ der blutjungen Berliner Band Vizediktator (2016) aufgenommen. Kam „Rausch“ noch etwas ehrfürchtig rüber, verspricht ihr Debütalbum „Kinder der Revolution“ nun weniger Biederkeit und mehr Haltung. In den Linernotes, verfasst vom Kölner Autor Linus Volkmann, menschelt es allerdings ein bisschen: „Raus aus der eigenen Blase, hinein in die Welt bis tief ins Meer“, schreibt er da bedeutungsschwanger. Sänger Benjamin „Benni“ Heps kann dem durchaus etwas abgewinnen: Wie die Linernotes bewegt er sich in seinen Texten züngelnd durch die tückischen Gefilde der Versprachlichung von Gefühlen „und schafft es immer wieder, neue Perspektiven aufzumachen“, erzählt er im Interview.

Neue Perspektiven – ja, vielleicht sogar einen Umsturz, braucht deutschsprachige Popmusik durchaus: Insgesamt etwas weniger Theoretisierung täte dabei auch gut. Vizediktator versteht sich „mehr als Kollektiv, denn als klassische Band“. Mit Seeeds’ Rudeboy Rudi Rübi haben die Berliner „die entspannteste Person gefunden, um unser Debütalbum zu arrangieren. Rübi geht sehr akribisch und perfektionistisch vor“, erklärt Heps. Die mit Rübi zusammen entstandenen zwölf Songs klingen verheißungsvoll.

Demonstriert wird das etwa in einer Hommage an Ton Steine Scherben in dem Song „Schall & Rauch“ („Wir sind geboren, um kaputt zu sein“), durch glaubwürdig vorgetragene Unbequemlichkeit, wenn es heißt „Die Welt geht vor die Hunde, so könnten wir das sehen / Aus bunt wird braun und alle bleiben stehen“ („Hollywood Europa“); durch Zeilen wie „Ich greif nach deiner Hand / Wir stürmen zusammen gegen die Wand“ („Halleluja“), die offensichtlich cheesysind. Die Naivität, die aus diesen Texten klingt, erinnert etwas an die Lovestory von Gudrun Ensslin und Andreas Baader und gibt der Band etwas Altmodisches und gleichzeitig Erfrischendes. Selbst, wenn sie Drohungen aussprechen, schaffen es Vizediktator, radiotauglich zu klingen: „Tod denen, die versuchen, sich zu bereichern an den anderen“ („Stadt aus Gold“). Verstärkt durch den bisweilen zaghaften und gar nicht einschüchternden Sprechgesang von Heps, der damit die Kraft seiner Zeilen zunächst verschleiert.

Die Wehmut in Heps’kratziger Stimme verstärkt die Kümmernis der Songpoesie und das, obwohl er auch vehement schreit. Und doch ­springen seine Texte nicht stumpf auf die Barrikaden, sie sind eingebettet in einem Sound, der tanzbar und simpel klingt.

Als „Straßenpop“ bezeichnen Vizediktator ihre Musik selbst. „Straßenpop ist für uns die passende Schnittmenge aus dem Brachialen von Punk und der erhabenen harmonischen Kraft von Pop. Wir hatten nicht vor, eine Schublade aufzumachen, sie war plötzlich da.“ Ihre Musik passt zur Zeit – auch wenn sie keine Revolution auszulösen vermag, höchstens rüttelt sie an den herrschenden Verhältnissen und entscheidet sich gegen eine Durchstarterkarriere.

taz. die tageszeitung, 02.03.2018

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