Von der Gesamtscheiße zum Mutterbaum

„Basisdemokratie ist machbar“ – Aktivismus-Erfahrungen in der Alten Feuerwache – Spezial 02/18

„Das können nur wir“, heißt es im dritten Kapitel des Bandes „Die Stadt, das Land, die Welt verändern! Die 70er/80er Jahre in Köln – alternativ, links, radikal, autonom“. Es geht um Stadtteilinitiativen, die unermüdlich am Kampf für Autonomie, Selbstbestimmung und Demokratie beteiligt waren. Beteiligte erzählen ihre persönlichen Erfahrungen, Pui von Schwind ist so jemand und schreibt im Vorwort: „Diese Initiativen gründeten und gründen sich meist frei von parteipolitischen Festlegungen, mit Spielraum für Spontaneität und klarer Zielsetzung. Mit ihren Themen wie Stadtteilsanierung, Verkehrsführung, Hilfe für sozial Benachteiligte, Freizeitstätten, Kindergärten oder Wohnraumzweckentfremdung erreichten sie schon in den 70ern viele Bevölkerungsgruppen und -schichten.“ Und das Bürgerzentrum Alte Feuerwache im Agnesviertel ist so eine Initiative, gegen den Willen der SPD im Rat der Stadt Köln, haben BürgerInnen sich durchgesetzt, um ein sozialkulturelles Zentrum zu organisieren. Im Gegensatz zu anderen ist dieses seit 1985 bis heute ein Bürgerzentrum in freier Trägerschaft.

Heute, Freitagabend, ist es belebt an diesem Platz im Agnesviertel: An der Tischtennisplatte pongt es, im Restaurant sitzen junge Familien zum Ausklang der Arbeitswoche, im großen Forum findet die Benefiz-Kunstausstellung „Artists for Cap Anamur“ statt, unten drunter in der Fahrradselbsthilfewerkstatt wird gemeinsam mit einem Jungen sein rotes Mountainbike repariert. Einmal quer über den Platz in den Projektraum. Hier ist das Licht nicht mehr so wochenendbefürwortend, doch die grelle Beleuchtung kann dem Raum mit seinen Dachschrägen den Charme nicht nehmen. Der dicke, besagte Band liegt hier zum Blättern. Er ist mächtig: 636 Seiten und 125 AutorInnen. Die Bar: Kölsch, Wasser und Plastikbecher. „Gegen Spende“, sympathisch. Die wenigen Anwesenden unterhalten sich angeregt und scheinen sich gut und lange zu kennen.

Vermutlich haben sie gemein, dabei gewesen zu sein, damals. Und heute sind sie da, um den Veranstaltungstitel zu unterstreichen: „Basisdemokratie ist machbar, ‚Systemchange‘ too“. Mit dem Buch als Grundlage soll die Arbeit und Kämpfe der Bürgerinitiativen – damals und heute – betrachtet und diskutiert werden, entsprechende Experten, Aktivsten, Erzählbären sind eingeladen. Bis es losgeht, verrät ein Besucher, dass er die Alte Feuerwache schon länger kenne und was er von der Entwicklung halte: „Hier ist etwas passiert, was aus einem besetzten Gelände nicht passieren darf, es ist hier fast schon kommerziell mit seinen festen Mietpreisen und Flohmärkten. Die Ansprüche des Szene-Altersheims sind so pseudo-öko.“

Hast du einen Lieblingsbaum?

Bevor das Gespräch weitergeführt werden kann, bittet die Herausgeberin des Bandes und Moderatorin des Abends Anne Schulz um Ruhe. Denn um halb acht kommen auch einige Ü-30 Gäste und die sind anders geräuschempfindlich. Ohne viel Drumherum stellt Schulz zackig ihre Podiumsgäste vor: Pui von Schwind, Grünen-Politikerin Barbara Moritz und Li Daerr als Damals-Gäste. Valentin von Ende Gelände, Jasper vom Hambacher Forst und Dorothea Schubert vom BUND auf der Seite des Jetzt. Wobei Schubert so ein bisschen beides ist.

Die erste Frage: Warst du schon mal im Hambacher Forst? Diese Frage kann niemand mit Ja beantworten, es wird gestanden: Bequemlichkeit, der Aktivismushunger ließe nach, Solidarität sei im Geiste. Die nächste Frage gilt dem Lieblingsbaum. Daerr trocken: „Dieselbe Frage wurde mir im Konfirmandenunterricht gestellt.“ Der Abend will nicht so richtig in Fahrt kommen. Abhilfe schaffen soll „Südstadt mit Aspik“, ein Dokumentarfilm von Christel Fomm mit Heinrich Pachl in der Rolle des ironischen Fremdenführers in der Kölner Südstadt nach Verkauf der Stollwerckbetriebe. Technische Probleme lassen keine Abhilfe zu, auf Zuruf des Publikums kommentiert von Schwind den tonlosen Film. Nun beginnt das endgültige Klassentreffen: Namedropping, Insiderwitzchen. Alles etwas anstrengend.

Nun also der Rückblick: Als erstes darf Moritz. Sie erzählt von ihren Umzug vom Dorf in die Stadt, die Studentenbewegungen, die K-Gruppen. Schulz unterbricht und erklärt tatsächlich die Bedeutung der DKP. Puh. Ansonsten ist Schulz in ihrer Professionalität als dankbar zu betrachten, sie erinnert ihre Gäste immer wieder, dass es um Bürgerinitiativen geht und lenkt wiederholt in die richtige Richtung. Moritz lässt es kalt, immerhin spiele das als Rückblick auch eine Rolle. Dabei ist sie sehr lebendig und erfrischend in ihrer Art zu erzählen.

Zurück zum Stollwerck: 49 Tage andauernde Hausbesetzung, Verkauf, Ideenwettbewerb, „Probewohnen“, mittendrin: die Initiative BISA (Bürgerinitiative südliche Altstadt) und deren heutiger Sprecher von Schwind. Es war aber nicht nur der Stollwerck-Kampf, es war die unbezahlbare Pille, die für „plötzliche Schwangerschaften“ sorgte, und wenn der einzige Kindergarten in der Südstadt schließt, muss etwas passieren. Es passierte etwas: Eine Besetzung mit über 150 Kindern und Eltern im Universitäts- jetzt Fachhochschulgebäude. Für die Stadtteilinitiative ein durchschlagender Erfolg, denn heute gibt es vier Kindergärten in unmittelbarer Nähe. Zwei davon städtisch.

Während von Schwind fast schwärmerisch in Erinnerungen schwelgt, wirkt Schulz etwas nervös. Sie bemerkt ausdrücklich: „Wir haben abgemacht, dass ich unterbrechen darf.“

Struktur, mehr Struktur

Daerr charakterisiert ihre Initiative Nippeser Baggerwehr als „großen, wilden Spontihaufen mit elastischer Bündnisfähigkeit und ohne Organisationsstruktur, aber gerade dadurch lange und effektiv lebensfähig, mit intensiven Freundschaften“, und sie sei nicht mit der Bürgerwehr zu verwechseln. Die bekannteste Aktion: Verhinderung des Baus einer Stadtautobahn. Wäre dieser Protest negativ ausgefallen, wäre heute der Innere Grüngürtel weitestgehend verschwunden. Einer ihrer Schlachtrufe: „Wir wollen keinen Baum (Hallo, Innenminister Gerhart Baum), wir wollen Bäume.“ Die Schlacht war erfolgreich: „Der Markt ist geblieben, das Parkhochhaus ist abgesagt. Statt einer Stadtautobahn gibt es Spielplätze und multikulturelle Grillwiesen mit Halfpipe.“

„Terrorherrschaft hat nur die Uhr“

Aber auch Daerrs fünf Minuten sind bald vorbei. „Wie ist es nun, gab es einen Systemwandel?“, möchte Schulz wissen. Die meisten am Tisch sind sich einig und optimistisch. Daerr zögert. „Ich würde den Optimismus gerne teilen, aber das ist oft ein Kampf gegen Windmühlenflügel. Minierfolge ja, aber Mietwucher, knapper Wohnraum, das läuft ja alles weiter. Es ist ja nicht so, dass wir Kleinparadiese geschaffen hätten. Was ich aber für wichtig halte, ist, dass man sich nicht entmutigen lässt.“

Schubert, die durch BUND eine Brücke zwischen damals („Braunkohle als Zwischennutzung“) und heute (Hambacher Forst) schlagen kann, bekommt von der zeitlichen Terrorherrschaft nichts mit. Lang und ausführlich erzählt und berichtet sie. Sie liest aus juristischen Texten vor. Hier hätte etwas Moderation nicht geschadet, die Aufteilung der jeweiligen Sprechzeiten ist unausgewogen und schadet dem Abend. Doch Schubert erhält nach ihrem Überblick als Einzige einen lauten Applaus.

„Ich bin ein Mensch und vertrete nur mich“

Nach eineinhalb Stunden ist der historische Abriss beendet und die heutigen Aktivisten kommen zu Wort. Schulz möchte von Jasper wissen, was seinen Aktivismus ausmache. Er verdeutlicht, dass die Rettung des Hambacher Forst und die „Braunkohle vom Netz zu nehmen“ nicht sein ausschließlicher Fokus sei, sondern vielmehr, „die Gesamtscheiße“, das Gefühl, dass etwas grundsätzlich falsch liefe, dass die Politik menschliche Interessen nicht vertrete. Dies sei der Grund, Aktivismus zu betreiben. Vor allem aber, sich selbst zu vertreten – anarchistisch, auf einer 17 Meter hohen Mutterbuche im Hambacher Forst lebend.

Weniger radikal ist da Valentin, auch wenn die Aktionen von „Ende Gelände“ eher was für „körperlich fitte Menschen“ seien, aber schon auch „was für Leute mit Kindern“. Einig sind sich die drei Heute-Akteure, dass der Hambacher Forst vor allem ein strategisch interessanter Ort sei. Jasper führt aus: „Hier sind wir wirksam gegen die Politik und können einen politischen Freiraum schaffen, trotz der Radikalität. Und dabei so eine Rückendeckung zu bekommen, dass es nicht möglich ist, die Menschen dort zu entfernen. Da kommt ein Gefühl auf, nicht ganz nutzlos zu sein.

Das Schwein geht um: Denn, auch wenn über zwei Stunden über Besetzung und Freiraum debattiert wurde, auch hier musste Miete gezahlt werden.

choices, 20.02.2018

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s