Munter drauflosfabuliert

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Foto: Cousteaux

Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz. Das längste Wort deutscher Sprache, bestehend aus 63 Buchstaben, ist zwar 2013 verschwunden, weil das Gesetz außer Kraft gesetzt wurde. Die Liebe zu komplexen Wortkonstellationen ist jedoch unendlich. Deutsch kann für Verständigungsprobleme sorgen. Mit der deutschen Sprache und ihren besonders formellen Auslegungen plagt sich US-Autor Lee Hollis seit fast 30 Jahren herum. Verständlich, dass sein neues Buch „Many Injured, More Dead“ daher auf Englisch verfasst ist. Veröffentlicht ist es allerdings beim feinen Ventil Verlag in Mainz.

Es ist bereits der vierte Band von Hollis für Ventil, dessen Bücher eine treue Fangemeinde haben. Der 54-Jährige wurde schon mal als Erfinder des geschriebenen Punk-Rock bezeichnet. Vielleicht gebührt diese Auszeichnung eher den Briten Patrik Fitzgerald und John Cooper Clarke. Anders als diese beiden charakterisiert sich Hollis jedoch nicht als Punkpoet. Was seine Schreibe ausmacht, sind Kurzgeschichten im einfachen Erzählstil, die seiner charismatischen Eigenart einen sonderbaren Sound verleihen.

Goethe sagte einst: „Eine Sammlung von Anekdoten und Maximen ist für den Weltmann der größte Schatz.“ Die Anekdoten von Hollis klingen nie bemüht. Er bevorzugt Reduktion aufs Wesentliche, gerade dadurch liest er sich schrullig und munter drauflosfabuliert. Seine Texte seien befreit vom kunstgewerblerischen Pathos, hat mal jemand über Hollis gesagt.

Es mag sich unpunkig anfühlen, bei Hollis gibt es häufig Happy Ends, er gibt dem Guten eine Chance. So geschehen im Drama „The Rise of Richards“: Dessen roter Faden ist ein Nachbarschaftsstreit, der in einem Gefecht von anonymen Bezichtigungszetteln im Treppenhaus endet. Wie beim Punksong kommt Hollis ohne Umschweife ans Ziel seiner Geschichten, nie zu konzeptuell, nie zu referen­ziell liest sich das.

Der Anfang war etwas mühsam. Auf Druck seiner Familie ging er zur U.S. Army. Mit 18 wird er in Denver als GI stationiert. Bald danach soll er nach Deutschland versetzt werden, aber er hatte sich unerlaubt vom Militärdienst entfernt und bekam deshalb disziplinarische Schwierigkeiten. „Nicht zum Dienst erschienen – wegen Black-Flag-Konzert“, steht in der Akte. Dank Kunststudium bekommt er bei der Army aber doch noch einen Job als Grafiker, wird nach Übersee geschickt und landet in Kaiserslautern, wo er Army-Plakate gestaltet, „Bitte keine Panzer klauen!“ steht auf einem.

In Kaiserslautern macht er Bekanntschaft mit der lokalen Punkszene, zunächst singt er in der Band Walter Elf, dann bei den Spermbirds, heute bei Steakknife. Nach vier Dienstjahren geht es wieder zurück in die Staaten. In einem Büro der U.S. Army trifft er auf Frau Meyer, die eine Boulevardzeitung mit der Schlagzeile „Many Injured, More Dead“ liest, die ihn zum Titel seines neuen Bandes in­spiriert hat. Ob er davon mitbekommen hätte, fragt sie ihn. „Ich startete das“. Sagt er zum Spaß. In Wahrheit treibt Hollis nur Punkrock an. Und Punk-Rock und seine Protagonisten holen ihn auch zurück nach Kaiserslautern.

Schauplatz seiner Geschichten ist der bundesdeutsche Südwesten: In Saarbrücken und seinem alternativen Viertel Nauwieser lebt Hollis heute. In einer Bar mit roten Wänden, an denen Elvis-Konterfeis hängen, steht er hinterm Tresen. Eine Kneipe ist Magnet für alle Einsamen, Verrückten, Gesprächigen. Und natürliche Quelle für Hollis’ Kapriolen. „Many Injured, More Dead“ beinhaltet die „Top 5 Gesprächsausstiege, auf die man so gar keinen Bock hat“.

Nasepopeln hilft dabei, verrät Hollis. Auf 112 Seiten hat er 22 Geschichten versammelt. „Long Distance Call“ zeigt, woher Hollis seinen trockenen Humor hat: von seiner Mutter Jimmie Nell Hollis. Und sie, sie sei richtig „hardcore“ gewesen, vor seiner Geburt. Und hat ihn sicherlich nicht mit Drohungen zum Essen genötigt: „Iss Kartoffeln or the Rindfleischetikettierungsüberwachungs…Donaudampfschifffahrtselektizität…monster WILL GET YOU!“

taz. die tageszeitung, 15.12.2017

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