Die kreativen Dimensionen der Flucht

Akademiker-Sprech, syrische Flaggen und migrierende Sounds:Das Kölner Festival Pluriversale setzt sich mit den Themen Flucht und Migration auseinander

„Der Geflüchtete ist ein Mensch, der durch sein Verhältnis zum Raum bestimmt ist, aber nicht dadurch begrenzt ist.“ So steht es in der Einleitung des Programmheftes zur Pluriversale, geschrieben von Bachtyar Ali, Schriftsteller des autonomen irakischen Kurdistan. Damit gibt Ali vor, in welche Richtung sich die fünfte Ausgabe des Kölner Kunst- und Kulturfestivals bewegt: Es geht um eine künstlerische Kontextualisierung von Flucht und Migration.

Die Pluriversale wird eigenständig kuratiert und getragen von der 2012 gegründeten Initiative Akademie der Künste der Welt, ausdrücklich um „interkulturelle und dekolonialisierende Kunst- und Kulturpraktiken anstoßen“. Doch spricht die Pluriversale nicht unbedingt Flüchtlinge und Migranten selbst an. Das Programmheft ist außerordentlich anspruchsvoll und komplex gehalten und schließt in seinem Akademiker-Sprech viele mögliche Interessierte aus. Und das ist ziemlich schade.

Donnerstagabend, halb neun, es ist warm und die schicken Gäste stehen vor der Christuskirche. Die kürzlich renovierte evangelische Kirche widerspricht sich ebenfalls selbst. In einem Neubau am Kirchenschiff vermietet sie einerseits Wohnraum zu Preisen von bis zu 19,14 Euro pro Quadratmeter, andererseits überlässt sie der Stadt fünf Wohnungen für Flüchtlingsfamilien. Die aufgebauten Instrumente und die an die Wand projizierten Sternenbilder machen neugierig und bilden einen Kontrast zu der kargen Kirche. Der Musiker Sonic Shadow – huch, das ist doch die egoistische Variante der bekannten Computerspielfigur Sonic der Igel – aka Satch Hoyt betritt mit einer Art Feldrekorder die Kirche und schreitet leicht tänzelnd zu seinen Instrumenten. Die Videoschnipsel zeigen Industrie-Rauchwolken, Michael Jordan, Kinder auf Holzflößen, Stammestänze, insgesamt in einer sehr düsteren Atmosphäre.

Es ist großartig, den Komponisten und bildenden Künstler Satch Hoyt zu beobachten, wie er mit Perkussion, Flöte und Sprache den Bildern an der Wand Stimmung und Emotion verleiht. Die angekündigte „Sound-Migration“ wird nun in Aktion greifbarer. Auch wenn sein gesprochenes Wort kaum verständlich ist. Der Sound gleitet durch die Genres der Westindischen Inseln und des amerikanischen Kontinents von Elektronika zu Jazz zu HipHop. Nach knapp 50 Minuten gibt es tosenden Applaus und „Woohoos“.

Freitagabend, 19 Uhr, der Veranstaltungssaal im Stadtgarten ist ruhig, die Gäste sind diszipliniert. Niemand tuschelt. Die Dame vorne am Tisch leitet auf Englisch ein, ohne sich selbst vorzustellen. Da fühlt sich die Nichtsahnende ein wenig außenseiterisch. Google verrät, es ist Ekaterina Degot, die künstlerische Leiterin der Akademie. Nach ihrer etwas langatmigen Einführung wird sie von Bachtyar Ali abgelöst. Der Autor des Romans „Der letzte Granatapfel“ philosophiert an diesem Abend über die subversiven Dimensionen einer Flucht. Nicht die tragischen, sondern insbesondere die kreativen.

Ali benennt drei Merkmale von Flucht: Angst, die nicht ausschließlich negativ konnotiert ist, sondern vor allem Quelle der Erfahrung ist. Freiheit, im Sinne von Ungebundenheit, und Ziellosigkeit, die Suche nach einem sicheren, verlorenen und vor allem utopischen Ort. Im abschließenden Gespräch mit Akademiemitglied Stefan Weidner versucht Ali in harmloser Unbeholfenheit einen Frauenwitz zu machen, der schnell von Weidner eingedämmt wird. Richtig: Hier geht es kultiviert zu.

Die syrische Gruppe Mazzaj Rap Band folgt und startet mit einem Kurzfilm zu ihrem Lied „Down with the Homeland“. Zu sehen: Yogatanten am Strand, daneben Geflüchtete in Schwimmwesten. Interessant ist, während Ali zuvor Nationalgefühle kritisierte, projiziert die Band während ihres energetischen Konzerts immer wieder die syrische Flagge. Ihre Texte transportieren bissige Gesellschaftskritik und rühren einen an. Der fachwissenschaftlich anmutende Diskurs der Pluriversale ist für eine intellektuelle Auseinandersetzung wichtig. Doch mit der Mazzaj Rap Band zeigt die Akademie, dass sie auch anders kann: erfrischend. Und das tut ihr sehr gut. Auch wenn es anfänglich befremdlich ist, ein Rap-Konzert bestuhlt und gediegen zu konsumieren.

taz. die tageszeitung, 12.09.2016

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