Der Charme der Kummermacher

Abtauchen gefällig? Bereits die Live-Sessions der britischen Band Yak – ganz großartig „Cumberland Gap“ genannt – haben neugierig gemacht. Langsames Gezuppel, ein schwerer Bass, die Gitarre, die erst nach gefühlten drei Minuten einsetzt. Allein dieser Vorgeschmack lässt das Wasser in den Augen zusammenlaufen: bin dann mal weg!

Die Band Yak ist der Kummermacher, im allerpositivsten Sinne. Ihr Debütalbum, „Alas Salvation“, eröffnet mit „Victorious (National Anthem)“. Hypnotisierend zieht der Track in sein kratzig-lautes Punk-Zwischenspiel und lässt an verflossene Bands wie Television denken.

Einer wie Tom Verlaine

Tatsächlich hat Yak-Sänger Oliver Burslem einen gewissen Tom-Verlaine-Charme. Die „National Anthem“, Nationalhymne, dauert gerade zwei Minuten, trumpft aber gleich auf: Der Track besteht aus Gitarre, Gesang und Schlagzeug. Alle Beat-Instrumente verschwinden jedoch zum Refrain und machen Platz für Bass, Sub-Bass Synthesizer und fünf Gitarren.

Das beste Mittel bei einem „Hungry Heart“, Track 2 des Albums, ist schlichter, schneller Punk ’n’ Roll. Zackiges Tempo von Schlagzeuger Elliot Rawson, vermischt mit den vollfetten Tönen von Bassist Andy Jones und dem Gesang Burslems, ergeben etwas Schizophren-Manisches. Dieses verwirrte Rudel ist von allem fasziniert. Die Schweißtropfen sind förmlich zu spüren.

Das Trio hat ein außergewöhnliches Debüt aufgenommen. Sie können beides: rau und roh, wie auf „Curtain Twitcher“, oder psychedelisch-verträumt wie bei „Take it“. Sanfter Eklektizismus und rasende Gitarrenriffs treffen auf sich wiederholendes Geschrei.

Yak konnte bereits 2014 viel Zuspruch ernten. Ihre „No EP“ – 7 Inch erschien bei Jack Whites Label „Third Man“ und wurde damals hochgelobt. Einige JournalistInnen und ExpertInnen trauen der Band sogar die Rettung des Punk zu. Den einen oder die andere erinnert Yak sogar an die jungen Nirvana.

Bei „Alas Salvation“ unterstützt Steve Mackey von Pulp die Band: Er hat die wilde Energie ihrer Live-Performance in seinem Studio festgehalten und etwas Schräges und Ambitioniertes kreiert.

Sänger Burslem lobt seine Arbeit im Magazin DiY: „Er hat’s drauf, denkt nie zu viel nach und macht keine Mätzchen. Wir haben jeden Tag fünf Songs aufgenommen. Dabei ist Mackey immer zurück zur Blaupause: Seine Idee war, dass wir klingen, als wenn wir in einer Garage spielen“. So ist es!

Das zeigt „Smile“: Ein rührender Sixties-Beat, lasziver Gesang und sägende Gitarren stoßen HörerInnen mit Intensität und Wut ins Herz, dort, wo alles gebündelt ist.

Voller Energie sind die 13 Songs, keiner gleicht dem anderen, jeder einzelne Song entwickelt seine eigene Dynamik. Und doch ist „Alas Salvation“ mit Bedacht zusammengestellt.

Sich gegenseitig anpissen, um Gefühle zu erzeugen, wie bei dem Song „Curtain Twitcher“ – Yak versetzen sich in einen Ausnahmezustand, der die Aufnahme wie live klingen lässt. Burslem schreit immer mehr, Rawson drischt mit Karacho auf die Drums und Jones’ Bass klingt extrem düster.

Zum Finale wird es bei „­Please Don’t Wait for Me“ ruhig. Mit beinahe acht Minuten ist das Stück auch viel länger als die vorherigen. Nach den befreienden Tobsuchtsanfällen legt sich ein versöhnlicher Schleier über den Sound.

Yak hat die Fähigkeit, das Herz zu brechen und zugleich mit Glück zu beflügeln: eine gelungene kantige Verschmelzung. So fühlt sich also Schockverliebtheit an.

taz. die tageszeitung, 13.05.2016

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