Ein Album, das leise im Kopf weiterläuft

Auf der Tagung „Pop Sub Hoch Gegen“in Köln sprachen Männer über Narration im Pop

Das Musikmagazin Sounds veröffentlichte in den frühen 70er Jahren einen Artikel, den Diedrich Diederichsen als 13-Jähriger las: Darin ging es um namhafte Persönlichkeiten des Kölner Kulturlebens, die eine Petition unterschrieben hatten, um die Ausweisung eines jungen Mannes zu verhindern: Damo Suzuki, damals Sänger der Band Can. Der Japaner hatte auf der Roonstraße verbotenerweise musiziert. Was für ein Vergehen.

Heute, im Frühjahr 2016, ist Diederichsen wieder in Köln und leitet mit dieser Anekdote seinen Vortrag über Pop und Erzählen ein. Gemeinsam mit anderen Poptheorie-VertreterInnen versuchte Diederichsen bei der von der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM) veranstalteten Tagung „Pop Sub Hoch Gegen” wissenschaftlich die Formen der Narration in Pop-, Sub- und Gegenkulturen zu ergründen. Nach der Einführungsanekdote geht sein Beitrag mit vielen Referenzen weiter.

Während die anderen sechs Vorträge zu arbeitnehmerunfreundlichen Uhrzeiten stattfinden, ist Diederichsens „My name is Ivar, I am engine driver – Der Songtext-Reflex in der beschrifteten Stadt“ Beitrag zur Abendstunde angesetzt. Beim Betreten der KHM-Aula ist schnell die Frage geklärt, an wen sich dieses Symposium eigentlich richtet. Die knapp 250 Plätze scheinen ausschließlich StudentInnen der Kunsthochschule zu gehören. Roger Behrens und Jonas Engelmann, Letzterer auch taz-Autor, moderieren an den beiden Tagen.

Diese und die anderen Gäste (Alexandra Ganser, Georg Stanitzek und der Schriftsteller Frank Witzel) haben alle ihren Beitrag zum Theorierepertoire von Pop-, Sub- und Gegenkulturen geleistet und sind dabei auch sehr überzeugend. Trotzdem: Soll die Tagung ein sich Gegenseitiges-auf-die-Schulter-Klopfen sein? Wollen die fast ausschließlich älteren Herren unter sich bleiben? Oder sollen sie?

Diederichsens Redebeitrag führt nach der Kölner Roon­straße zunächst nach London (in den Stadtteil Hammer­smith und zur Band Third World War, dann weiter zur Band The Kinks), von dort nach Los Angeles („Schon die Straße, in der ich wohnte, war eine Verlängerung der Vine Street / We used to live there / on Vine Street“. Diederichsen zitiert „On Vine Street“, einen Song von Randy Newman, in der Version von Van Dyke Parks und landet schließlich in Berlin-Kreuzberg am Mariannenplatz, der im „Rauch-Haus-Song“ von Ton Sterne Scherben eine bedeutende Rolle spielt.

Diederichsens Erzählungen sind musikalische Pathologie-Protokolle. Erzählungen fungieren für ihn als musikalische Erinnerungen, rufen Textzeilen hervor und bringen – unbewusst – Verknüpfungen zustande. So, als ob ein Album leise im Kopf weiterläuft. Natürlich sind seine Erzählungen mit vielen, sehr vielen Referenzen gespickt. Die von ihm erwähnten Musiker und Songs bewegen sich maximal bis zu den 80er Jahren und sind irgendwann anstrengendes Namedropping. Auch wenn Diederichsen sich nicht zu fein – oder zu eitel? – ist, den einen oder anderen Songtext auch vorzutragen.

Am zweiten Konferenztag, Freitagmorgen um 10 Uhr, ist das Kolorit ein anderes: In einem typischen Seminarraum sind zu Anfang gerade mal zehn Plätze belegt. Ob es wohl an der unzumutbaren Uhrzeit liege, fragt sich Moderator Konstantin Butz. Vermutlich, denn im Laufe des Vormittags füllt sich der Raum. Der Göttinger Moritz Ege thematisiert in der ersten Stunde die Sprachstile seiner Studienobjekte, „Prolls mit Klasse – eine ethnografische Forschung“. Diese Forschung zeigt Klassifikationskämpfe auf, Ege belegt seine Thesen mit Beispielen junger Männer. Als Referenz dient Ege die Idee der „Profane Culture“ des britischen Kultursoziologen Paul Willis, der sich in den 70er Jahren mit den subversiven Stilen von Hippies und Bikern auseinandersetzte.

Roger Behrens (Oldenburg) hangelt sich mittels persönlicher Anekdoten und teilweise etwas wirr von den 60er zu den 70ern, um dann in den 80ern stehenzubleiben. Dabei kommt er selten ohne Adorno- und Horkheimer-Referenzen aus.

Insgesamt bleibt die Kölner Tagung jenseits ihrer Auseinandersetzungen mit den subkulturellen Phänomenen der Vergangenheit vieles schuldig. Die Referenten bewegen sich zu sehr im eigenen autobiografischen Soundtrack. Musikalische Erzählungen unter Anbetracht von heutigen multimedialen Möglichkeiten zu beleuchten, das hätte der Tagung etwas mehr Frische und Aktualität verschafft.

taz. die tageszeitung, 03.05.2016

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