Sanftmut und Tollwut

Sechs Wochen nur hat die Arbeit im Studio für „Eraser Stargazer“ in Anspruch genommen. Die US-Band Guerilla Toss hat ihr Debütalbum für DFA Records in einer Blockhütte komponiert und aufgenommen. Es klingt überhaupt nicht hinterwäldlerisch, sondern brutal, chaotisch und lustig. Dabei stets mit erhobenen Mittelfinger.

Ihre treibenden Songs haben etwas ganz Eigenes und Unberechenbares: Sie sind voll mit Synthesizern und Rhythmus-Anfällen. Dann gibt es wieder kratzige Post-Punk-Gitarren. Die Drums erinnern an die Breakbeats des Jungle, aber noisig wird es ebenfalls. So klingt wohl Wahnsinn. Und/oder Gestalttherapie.

Das, was Sängerin Kassie Carlson auf den acht Titeln hinschmoddert, ist mit Anarcho-Attitude vorgetragen; sie ist kaum zu verstehen dabei. Piepsig skandiert sie auf „Diamond Girls“ – der ersten Singleauskopplung – „Who do you know? / ha, ha, ha / Been turning myself, the reinvigoration / Faces of a distant / What’s that, wrap it up / Who do you know? ha, ha, ha / They turn themselves, generation.“ Spiralige Hooklines und Afrobeats gehen einher mit den tollwütigen Ausbrüchen von Carlson: Do it yourself in seiner manischsten Phase.

Eher hypnotisierend geht es in „Perfume“ weiter, eine von repetitivem Rhythmus aus klimpernden Gitarren und rollenden Schlagzeug gekennzeichnete Spur marschiert vier Minuten lang zu Carlsons Kreischen: „It could be like / It could be like / A perfume / After an idea / Is absent.“

Sie brüllt und chantet dabei wie eine Schamanin, die ihre Artpunk-Gefolgsleute nun endgültig in ihren Bann zieht. Drummer Peter Negroponte, Keyboarder Sam Lisabeth sowie Arian Shafiee am Bass und Phil Racz an der Gitarre schruppen so konzentriert an ihren Instrumenten, dass sich teilweise jeglicher Rhythmus verschiebt und eine Episode des Absturzes sich anzubahnen scheint.

Trotz aller Dringlichkeit wirkt „Eraser Stargazer“ fast schüchtern, milde, beinahe minimalistisch. Das wird deutlich bei „Grass Shack“: der Klang schlanker, die Bass-Lines und virtuosen Drums sortierter. Man sollte das Album nicht im Sitzen oder nebenbei konsumieren, gerade sperrige Kunst erfordert Aufmerksamkeit. Mit „Doll Face on the Calico Highway“ schafft Guerilla Toss einen Abschluss, der versöhnlich daherkommt: Carlson hat ihre Stimme gedämpft und haucht zart ein paar Worte dahin, der Refrain lädt kurz darauf radiotauglich zum Mitträllern ein, die Geschwindigkeit wird auf Mid-Tempo runtergebremst. Ein perfektes LoFi-Finale.

taz. die tageszeitung, 22.03.2016

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