Vor Glück schreien

Endlich wieder Cockney-Dialekt und Do-it-yourself-Klangästhetik: Unser Held mit den einfachen, unmissverständlichen und ungekünstelten Songs ist nach über zehn Jahren Schönheitsschlaf wieder erwacht. Es handelt sich um die Londoner Ein-Mann-Punk-Institution Wreckless Eric und sein Album „amERICa“.

In elf Songs geht es um den Alltag in den USA, wo er bis 2011 lebte. Für die Aufnahmen ist Wreckless Eric nochmals in den Bundesstaat New York gereist, um in einer Beinaheruine die Songs einzuspielen. Etwas anderes würde zum selbsternannten „Donovan of Trash“ auch wahrlich nicht passen: Für „amERICa“ scharen sich Freunde, Nachbarn und seine Frau mitsamt Küchen-Geräte-Attacken, Treppenhaus-Mikrofonen und Schlafzimmer-Verstärkern zum ausgedehnten Jammen und Frickeln.

Wreckless Eric heißt mit bürgerlichen Namen Eric Goulden und versteckte sich seit 37 Jahren hinter seinem Künstlernamen. Mittlerweile trägt er allerdings an dem alten Rücksichtslos-Image schwer, und das ist schade: Denn seine Texte – so einfach gestrickt sie auch sein mögen – sind herrlich rotzig und kommen dabei immer noch glaubwürdig daher.

„amERICa“ eröffnet mit „Several Shades of Green“ recht sentimental und erinnert an glorreiche Punk-Zeiten: „I was nearly someone back in the day / I was in the lower reaches of the hit parade / In between the pages of some stupid magazines / Posing in a jacket that I wouldn’t be seen / Dead in or fit in today.“ Begleitet von druckvollen Bassriffs und seiner charakteristischen Holzhackergitarre. Ja, da ist er wieder: der genialische Pub-Rocker.

Wreckless Eric, der seine Karriere bei Stiff Records an der Seite von den Kollegen Ian Dury und Elvis Costello begann, war weder als Solokünstler noch als Mitglied der verschiedener Bands kommerziell erfolgreich. Was auch egal ist, seit seiner tollen Debütsingle „Whole Wide World“ spielt er immer den gleichen Song. Auch auf dem neuen Album will bei seiner Antipoesie vor Glück geschrien werden – hörbar vor allem bei „White Bread“: „America Americans American bucks / the signs are explicit the back of the trucks say / gun control means both hands on the rifle.“

Was die Produktion angeht, bleibt „amERICa“ trashig. Die Beats kommen von der Billig-Drummaschine, Wreckless Eric spielt E-Gitarre und Bass gleich selbst und dreht das Eingespielte seiner Mitmusiker durch den Fleischwolf: die cheesigen Sounds von Keyboarder und Wurlitzer Organist Brian Dewan, Jane Scarpantons Cello und von Alexander Turnquist, der seine E-Gitarre mit einem E-Bow spielt, was für einen Rückkopplungseffekt sorgt. Ah, das ist es also, was das lukullische Herzklopfen von Pop ausmacht. Seine Frau Amy Rigby unterstützt „amERICa“ an Klavier, Gesang und Banjo.

Die dürftige Natur von Alltag, Liebe und Ruhm, Depression, Ungerechtigkeit, Schmerz, Verdorbenheit und Tod, das sind seine Themen. Ansonsten spart sich Wreckless Eric jegliches Gejammer und Bedauern. Und bleibt nüchtern und reflektiert, wie etwa auf „Property Shows“: „I go to the gym / try to work out / reasons that people / live their silly lives / doing their thing / on a treadmill / watching property / shows on TV screens.“

Folgerichtig verabschiedet er sich in dem Song „Have a great Day“ mit einer traditionsbewussten Pop-Aufzählung, die tatsächlich Spaß macht: „Fun fun fun / Chuck Berry / the Velvet Underground / Jimmy Reed / the Beach Boys and the Gold Star sound / Judy In Disguise / Bobbie Gentry’s Mississippi sky trains rolling by / Sears bungalow homes.“

Für „amERICa“ bekommt Wreckless Eric auf jeden Fall ein Lächeln. Es bedeutet die Welt für ihn.

taz. die tageszeitung, 13.10.2015

 

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