Lust, zu schreiben, was man will

Welcher Gefahr sich Schriftsteller im Iran aussetzen müssen, erzählt Shahriar Mandanipur am Donnerstagabend beim Literarischen Salon im Kölner Stadtgarten. Moderiert wird der Salon wie gewohnt von den zwei Kölner Autoren Guy Helminger und Navid Kermani. Ebenfalls mit auf der Bühne: der Übersetzer Ali Samadi, Regisseur und Drehbuchautor iranischen Ursprungs sowie der Schauspieler Gerrit Jansen.

Mandanipur, der sein Buch „Eine iranische Liebesgeschichte zensieren“ bereits 2010 publizierte, das in den Feuilletons hochgelobt wurde, ist vier Jahre später vielleicht nicht der bekannteste, aber vermutlich der bedeutendste Vertreter der iranischen Gegenwartsliteratur. Dass er derzeit Fellow am Wissenschaftskolleg in Berlin ist, ist eine willkommene Fügung, um sein Können abseits des hochkomplexen und komischen literarischen Spiels der zensierten Liebesgeschichte zu erfahren. Die Geschichte mit ihren zwei Hauptsträngen – der Liebesgeschichte und dem Zwiegespräch mit der Zensur – ist ein groteskes Unterfangen und eine Abrechnung mit den Sittenwächtern im Iran, weil er sie nicht anklagt, sondern ausführt. Obwohl der Autor die Zensur in seinem Roman mit durchgestrichenen Passagen einbaut, erscheint dieser nie im Iran.

Ob da einem Autor nicht die Odyssee zu groß sein, die Mühe zu vergeudet, ein Buch im Iran zu veröffentlichen, möchte Helminger wissen. Mandanipur antwortet – wie er auch den restlichen Abend sprechen wird – ruhig, andächtig und mit rationalem, trockenen Witz: „Ich war in Amerika und hatte dort ein Stipendium. Die ganze Zeit hatte ich den Gedanken: Ichmuss ein Buch schreiben, hier gibt es keine Verfolgung, keine Zensur, kein Töten von Autoren.“

Mandanipur erinnert sich an einen Ausflug, den er mit wichtigen Autoren aus dem Iran nach Armenien machen wollte. Sie saßen im Bus, als der Busfahrer plötzlich den Lenker herumriss, Richtung Klippen steuerte und selbst aus dem Bus sprang. Das größte Glück dabei war, dass der Bus an den Klippen stecken blieb. Der Busfahrer stieg wieder ein, beschimpfte die Schriftsteller und probierte es erneut und wieder blieb der Bus stecken. Daraufhin kam die Polizei und verhaftete die Autoren. Mandanipur scheint es gut verkraftet zu haben: „Das Töten von Schriftstellern ist nicht so einfach, es gleicht dem Töten von Propheten.“ Diese Erfahrung kann als Symbol für das Geschichtenschreiben im Iran angesehen werden. Weiter vergleicht er das Schreiben von Geschichten mit einem Spaziergang auf dem Minenfeld und erinnert sich: „Du stehst an der Grenzpatrouille zwischen Iran und Irak, dir wird gelehrt, den Boden mit den Fußspitzen abzutasten und nie abzulegen, das machst du eine halbe Stunde, langweilst dich – so ist schreiben in Iran, am Anfang ist die Angst vor Repressionen, doch dann ‚lasst mich, ichschreibe was ich will‘.“

Und er schreibt, was er will. Und er schreibt, anders als die Bühnenkollegen vermuten, nicht für ein westliches Publikum. „Als Diaspora ist esschwer sich in seinerMuttersprache zu entfalten, wiriranischen Schriftsteller haben keinen anderen Weg. Ichversuche in guter persischer Sprache zu schreiben, die übersetzbar ist.“ Und er schreibt Geschichten, die überraschen. Das Publikum bekommt eine weitere Geschichte gelesen – mitfühlend vorgetragen von Jansen. Der Erzählband, der noch nicht übersetzt wurde, beinhaltet elf Geschichten zum 11. September. Aus der Sicht eines Amerikaners. Er versetzt sich damit in einen amerikanischen Kosmos und doch lässt sich die Geschichte mit ihrem Unglück und Tragik auf andere (politische) Schicksale übertragen. Mandanipur versucht erst gar nicht, auf die amerikanische Lebensweise einzugehen, schreibt universell und lässt seine Geschichten für jeden Leser nachvollziehbar werden.

„Donnerstagabend“ hieß auch die Literaturzeitschrift (Asr-e Pandjshanbeh), bei der erüber zehn Jahre Chefredakteur war – eingestellt wurde sie aus politischen Gründen. Dieser Abend sollte nicht voreilig beendet werden.

taz. die tageszeitung, 20.01.2014

 

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