Demonstrantentreffen

Bei der lit.Cologne dikutierten Daniel Cohn-Bendit und Autor Florian Kessler über das Protestieren

Die Besucher im Kölner Brunosaal quasselten aufgeregt. Gleich würde eine ihrer Ikonen kommen und auf einen seinerNachfolger, wenn es denn einen gibt, treffen: Daniel Cohn-Bendit, das Gesicht der Studentenbewegung der Pariser Unruhen vom Mai 1968, der einst bewies, wie man massenwirksam protestiert, begegnete dem Autor Florian Kessler, der in seinem kürzlich erschienen Buch „Mut Bürger“ aufzuzeigen versucht, wie wichtig dieses Protestieren für die Demokratie, für die Gesellschaft ist. Thema der Diskussion im Rahmen des Literaturfests lit.Cologne: „Die Kunst des Demonstrierens“.

Verglichen mit Cohn-Bendit, der wegen einer Zugverspätung auf sich warten ließ, fühlte sich Kessler nach eigenem Bekunden „matt und glanzlos und etwas nervös“ – und so wirkte er auch. Kessler erzählte aus seinerKindheit: von ersten Demonstrationen gegen den Bau der Autobahn A 20. Zu einer literarischen Auseinandersetzung mit Protesten und seinen Formen haben ihn aber vor allem die Occupy-Bewegung sowie der Arabische Frühling gebracht.

Kessler schien bei so ziemlich jeder Demonstration gewesen zu sein, vor Kurzem in Berlin gegen eine Zwangsräumung. Er pries das Wir-Gefühl. „Wie suchen Sie sich die Demos denn aus?“, fragte Moderatorin Sabine Scholt, einfach nach dem Motto „Am Sonntag kann ich“? Kessler entgegnete knapp, die Frage gehe „an der Sache vorbei“.

Ob solcher Antworten wirkte die Gesprächsleiterin umso glücklicher, als endlich Cohn-Bendit die Bühne betrat: „Wirsind so froh, dass Sie es geschafft haben.“ An den grünen Abgeordneten im EU-Parlament ging gleich mal die Frage, wann er zuletzt demonstriert habe. Antwort: Das liege mindestens fünf oder sechs Jahre zurück. Das Glücksgefühl, endlich den Cohn-Bendit auf der Bühne zu haben, schien aus Publikum und Moderatorin zu entweichen. Auf die Frage nach dem Warum, antwortete er: „Weil ich anderes zu tun hatte“ und er andere Werkzeuge habe, politische Vorstellungen zu erreichen. Ein Thema müsse ihn mobilisieren, das habe Stuttgart 21 beispielsweise nicht, und außerdem liege das Problem darin, dass jeder Demonstrant denke, er hätte die Kuckucksuhr erfunden.

Kessler, mittlerweile ein Diskutant auf Augenhöhe (wohl auch aufgrund der Entzauberung seines Gegenübers), widersprach, dass es viele verschiedene Kuckucksuhren gäbe. Cohn-Bendit gab keine Widerworte. Er gab sich lieber altväterlich, beendete die Sätze von Kessler gerne mit „Amen“, munterte ihn dazu auf, weiter zu streiten. Eine Diskussion kam so leider nie auf.

Zum Abschluss bekundeten beide in trauter Einigkeit, weiterhin bei Demos part of it sein zu wollen. Amen.

taz. die tageszeitung, 9.03.2013

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