Viele Füße wippten mit

Am Eingang der Alten Feuerwache in Köln wurde der Besucher, wie nicht anders zu erwarten war, vom rauchenden Harry Rowohlt begrüßt. Seit vier Jahren sind Harry Rowohlt, Thomas Ebermann sowie die Musiker Frank Spilker, Knarf Rellöm und Manuel Schwiers mit ihrer Erich-Mühsam-Konzertlesung unterwegs. Die Interventionalistische Linke und die Antifaschistische Koordination Köln luden ein, um an den anarchistischen Literaten zu erinnern.

Der Andrang der jungen Gäste und Mühsam-Enkel war so groß, dass zunächst viele zusätzliche Stühle aufgestellt werden mussten. Per Beamerprojektion schaute der „Edelanarchist“, wie Rellöm Mühsam betitelte, auf die neugierigen Zuschauer. Zum Einstieg gab Ebermann mit seiner rauchig-heiseren Stimme einen Überblick: Rowohlt liest die Mühsam-Zitate, Ebermann „das, was die anderen sagten – also nicht so viel“. Bevor es losging, brachten die Musiker mit ihrer Interpretation von Mühsams Texten viele Füße zum Wippen. Tanzbar ist er, der Mühsam-Rave.

Der Abend wurde in zwei Hälften unterteilt: Die erste erzählte vom jüdischen Intellektuellen bis 1914, größtenteils in seiner Rolle als Spötter, vom Café des Westens in Berlin, den Wanderjahren in Italien und von seinen Briefen. Sie gaben Grund zur Diskussion. Etwas frotzelnd erwähnte Rowohlt, dass Mühsam „sich gerne selbst zitiert“. Spilker antwortete: „Das ist Zeilenschinderei, aber ich empfinde Solidarität.“ Rowohlt entgegnete: „Es gibt auch kritische Solidarität.“

Nach der Pause wechselte man von den humorvollen zu den ernsteren Texten. Es ging um Krieg, Novemberrevolution und eigene politische Positionierung. Ebermann trug vor, wie Mühsam aus einer anarchistischen Vereinigung ausgeschlossen wurde, der entsprechende Text war in astreinem Beamtendeutsch gehalten. „Ich stelle mir das als Einschreiben vor“, sagte Rowohlt. Als die beiden Musiker Erinnerungen von Zeitzeugen an die Ermordung Mühsams im KZ durch die Nazis vortrugen, herrschte im Raum beklemmende Stille.

In der Zugabe erfuhren die Gäste, wie Mühsam nach durchzechten Nächten einen ersten Verleger fand. Und dass das ein Gutes ist, haben die Gastgeber spöttisch, liebevoll und ehrend an diesem Abend bewiesen.

taz. die tageszeitung, 03.11.2012

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