Schnauze, Schokolade und berühmte Eltern

Gregor Gysi und Harry Rowohlt plaudern beim „Fest der Linken“ auf einer roten Couch aus dem Nähkästchen.

Auf einer roten Couch zur Mittagsstunde trafen sich vergangenen Samstag eine Berliner Schnauze und ein Hamburger Brummbär zum Gespräch: Gregor Gysi und Harry Rowohlt. Anlass war das „Fest der Linken“, welches am Wochenende in der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg stattfand. Geboten wurde ein buntes Potpourri aus Polit-Talk, Musik, internationalen Gästen und Infoständen.

Der Berliner Politiker der Partei Die Linke, Gregor Gysi, bat den Übersetzer und Kolumnisten Harry Rowohlt um Rede und Antwort. Wie alte Schulkameraden begrüßen sich die beiden auf der Bühne. Gysi nennt Rowohlt gleich zu Beginn eine „herausragende Persönlichkeit“. Vielleicht um ihn vorab bezüglich der ersten Frage zu besänftigen?

Schwierige Kindheit

Allgemein bekannt ist, dass Rowohlt Fragen zu seinerprominenten Familie und ihres Verlags nicht unbedingt willkommen sind. Gysi lässt essich nicht nehmen und fragt: „Wie war überhaupt deine Kindheit? Vor allem deine Mutter und dein Vater?“ Gewohnt ehrlich antwortet Rowohlt: „Die war so, dass ichkeine Lust hatte, selbst Kinder zu bekommen. Das möchte ichniemanden zumuten, meine Eltern konnten sich nicht leiden, und ich muss sagen, völlig zu Recht. Wenn die beiden sich krachten, dachte ich, schön, jetzt werd ich nicht erzogen und kann heimlich Bücher lesen.“

Um Rowohlt doch noch etwas Positives über seinen Vater zu entlocken, bemerkte Gysi: „Neben tollen Autoren hat er die rororo-Reihe rausgebracht, und das war gerade nach 1945 in der Bundesrepublik die erste Reihe, die auch Arbeitnehmer sich leisten konnten. Das müsstest du doch wenigstens anerkennen.“ Ironisch stimmt er ihm zu, „unbedingt, wenn man davon absieht, dass die Taschenbücher aus den USA importiert waren und dass esdie Idee meines Halbbruders war, dann muss man das natürlich anerkennen.“

Durch die Namensgleichheit wird häufig vermutet, Harry Rowohlt sei noch mit dem gleichnamigen Verlag verbandelt. Er betont aber, die seinerzeit geerbten Verlagsanteile vor langer Zeit an Holtzbrinck verkauft zu haben und dass er auch ohne die Anteile „ganz gut mit dem Arsch an die Wand kommt“. Gysi kennt ebenfalls irrtümliche Zuordnungen bezüglich des Nachnamens, so habe er rein gar nichts mit der Gysi-Schokolade aus der Schweiz gemein und wundert sich, warum er sie regelmäßig zugeschickt bekommt. Rowohlt ergänzt in eigener Sache, „deswegen sage ich auch, egal, wo ich reinkomme, nein, ichhabe nichts mit dem Rowohlt Verlag zu tun“.

Dann schwenkte der Fragensteller Gysi auf Rowohlts Berufslaufbahn um. Einer der Haupttätigkeiten des Hamburgers ist die Übersetzung aus dem Englischen. „Sag mal, wie hast du Englisch und Amerikanisch gelernt? Und zwar so perfekt, dass duÜbersetzer werden konntest?“ Rowohlt erzählte, er habe das Glück gehabt, „unabhängig voneinander drei sehr gute Englischlehrer an der Schule zu erleben“. Zudem habe ereineinhalb Jahre in einem New Yorker Verlag als Hilfslayouter gearbeitet, wo ihm ein Afroamerikaner telefonisch Satzanweisungen durchgegeben habe, wodurch man besser Englisch lerne als durch ein Studium.

Doch studiert habe er auch, und zwar Amerikanistik in München – ganze zweieinhalb Stunden: „Es war so kurz, ichwar nicht einmal in der Mensa.“ Uneinig waren sich die beiden Gesprächspartner nur darüber, wie viele Jobs Rowohlt denn ausübe. Nach Aufzählen seinerzahlreichen Tätigkeiten summiert Gysi sechs. Rowohlt hält ihm die offene Hand entgegen und motzt „fünf“. Tatsächlich sind es „Übersetzer, Über-die-Käffer-Tingler-und-laut-und-mit-Betonung-Vorleser, CDs-Vollquatscher, ziemlich unregelmäßig, also selten, Zeit-Kolumnist und Kleindarsteller in der Vorabendserie Lindenstraße“.

Mit Brummstimme

Anders als häufig von sich selbst vermutet, leidet Rowohlt also nicht unter Dyskalkulie, denn essind fünf. Im weiteren Gesprächsverlauf betont Gysi, dass es ihm immer eine große Freude sei, Rowohlt beim Vorlesen zuzuhören. Um dieser Bitte nachzugehen, trägt Rowohlt mit seinerunnachahmlichen Brummstimme den Anfang des von ihm übersetzten Kinderbuches „Sie sind ein schlechter Mensch, Mr. Gum“ von Andy Stanton sowie zwei seiner in der Zeit erschienenen Kolumnen „Poohs Corner“ vor. Wie dem glucksenden Publikum anzumerken ist, ist Gysi mit seiner Begeisterung nicht allein.

Es wäre kein „Fest der Linken“, wenn nicht auch die Frage geklärt worden wäre, wie Rowohlt sich politisch einordnet. Ob er mit seinem Rauschebart gar aussehen wolle wie Karl Marx. Rowohlt aber antwortet trocken, dass erbereits einen Bart haben wollte, als er vier Jahre alt war. Mit vier kannte er Marx sicher noch nicht. Lieber bezeichnet er sich selbst als einen „verquasten Linken“.

taz. die tageszeitung, 19.06.2012

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